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Implizite Politik - Das Selbstverständliche im politischen Alltag

Alfred Schobert
>> zur Diskussion

"Schwierigkeiten mit der Normalität" - Das Referat

Ich habe zwei, aus organisatorischen Gründen ursprünglich getrennt angekündigte Themenblöcke zu behandeln, deshalb darf ich auch etwas länger reden. Wir haben jetzt die Fragestellungen zusammengefaßt: Das Verhältnis von staatlicher Politik und alltäglicher Normierung und Implizite Politik. Das Selbstverständliche im politischen Alltag. Das ist ein ziemlicher Brocken. Ich weiß nicht, ob ich alle Fragestellungen, die in der Veranstaltungsankündigung gestellt werden, in der vorgegebenen Zeit beantworten kann. Damit aber genug der Vorrede.

Unser Kongreß steht unter dem, mit Ironie gewählten pfiffigem Titel "Postbananische Zustände". Gemeint ist die aktuelle ostdeutsche Ausprägung eines deutschen Zustandes, den ein früherer Leipziger vor sechs Jahren so beschrieb: "Seit es diese neu zufassende Realität `Bundesrepublik' vom 3. Oktober 1990 gibt, gibt es auch ein neues virulentes Problem in diesem wahrlich neuem Deutschland. Es gibt eine zahlenmäßig ernstzunehmende Sehnsucht nach dem Dritten Reich. Diese Formulierung wird mißfallen, daß versteht sich. Doch wie anders wäre er zu erklären, der allenthalben nun hervorbrechende Judenhaß in einem Land ohne Juden. Die neuen Hakenkreuzler, die jüdische Gedenksteine beschmieren und den Gedenkstein geschändet haben, der im Berliner Grunewald an der Stelle steht, wo der deutsche Jude Walter Rathenau ermordet wurde, haben vermutlich niemals in aller Bewußtheit irgendeinen Juden getroffen, geschweige denn hassen können. Sie möchten jedoch dort wieder hassen dürfen, wo einstmals gehaßt wurde. Wobei der damalige Haß in den Völkermord führen sollte."
Dies schrieb der Literaturwissenschaftler Hans Meyer 1993 im Nachwort zu seinem Buch Der Widerruf. Meyer wußte aus eigener Erfahrung nur zu gut, wovon er sprach, jüdischer Herkunft, war er als Jurist preußischer Beamter und gleichzeitig als linksradikaler Aktivist tätig. Er ging 1933 ins Exil nach Frankreich, kooperierte dort mit dem emigrierten Frankfurter Institut für Sozialforschung und kehrte nach der Befreiung Deutschlands vom Nazismus zunächst nach Westdeutschland zurück. Im Jahre 1948 folgte er einem Ruf an die Universität Leipzig und lehrte dort deutsche Literatur, bzw. vergleichende Literatur, bis er 1963 im Streit mit der Partei, der er nie beigetreten war, die DDR verließ. Ich weiß nicht, ob die Leipziger Uni die Erinnerung an Hans Meyer in irgendeiner Weise wachhält, wenn wir aber für unseren Kongreß ein Uni-Gebäude nutzen, daß in der Hauptsache der Züchtung des Humankapitals für den Wirtschaftsstandort Deutschland dient, dann möchte ich doch eine kleine Ehrung für Hans Meyer hinzusetzen. Hans Meyer hat nicht nur hier gelehrt, sondern sein Werk, insbesondere seine Studie Außenseiter, ist direkt mit unserem Thema verknüpft. Wenn der jüdische, homosexuelle, linksintellektuelle Meyer in dem Buch Außenseiter, Juden und Homosexuelle als "Monstren" bezeichnete, wollte er mit dieser vielleicht schockierenden Metapher deutlich machen, inwieweit die benannten außerhalb des dominierenden Normalitätsverständnisses standen, bzw. stehen, daß sie als krasses Gegenteil von Normalität galten, bzw. gelten. Meyer vernachlässigte indes, genauer zu beleuchten was Normalität eigentlich ist. Wie diese Ordnungsschemata aussehen, in die diese "Monster" nicht reinzubringen sind. Diesen Mangel teilt er allerdings mit etlichen anderen.
Obwohl Normalität, vor allem seit 1989, eine tragende Kategorie des medienpolitischen Diskurses über das Selbstverständnis von Staat und Gesellschaft geworden ist, bleibt der Begriff "Normalität" im Halbdunkeln, er bleibt im Trüben. Da es nun nicht ergiebig sein dürfte, im Trüben zu fischen, Normalität und Normalisierung aber eine tragende Rolle spielen, auch in der Themenausschreibung für die jetzige Veranstaltung, werde ich versuchen, die angesprochenen Fragen am Leitfaden des Normalitätsproblems zu entwickeln.
Ich beginne mit einem kurzen Rückblick auf zwei politische Prozesse der 90`er Jahre, die allgemein bekannt sind und die zeigen, inwiefern von einer Tendenz zur Normalisierung rechter Positionen im öffentlichen Diskurs und in der Alltagskultur gesprochen werden kann. Dann folgt der abstrakte Teil, in dem ich das wissenschaftliche Konzept "Normalismus" vorstellen werde und zeige, wie Normalität gesellschaftlich überhaupt produziert wird. Normalität ist nichts Natürliches. Und darauf aufbauend werde ich das ganze politische Normalitätsystem der BRD, vor allem diese Einordnung symbolischer Art - links, mitte, rechts - darstellen und dabei auch zeigen, wie staatliche Ausgrenzungsstrategien ineinandergreifen. Ich werde zeigen, welche Grenzen da gezogen werden, was als fanatisch, als extremistisch, als fundamentalistisch, als terroristisch gilt und wie diese Grenzziehungen vorgenommen werden. Einen Satz wie der von Vera Lengsfeld in der letzten Woche, "die PDS ist keine normale Partei", soll nämlich heißen, die gehören nicht ins politische System, ebenso wie Linksradikalismus. Der symbolisch immer schon aus der Zugehörigkeit zur Gesellschaft und aus der Zugehörigkeit zu den politischen Kräften, die legitimiert sind, ausgegrenzt wird. Das funktioniert auch über Symbolik, also längst nicht nur über materielle Ausgrenzung wie Polizeigewalt und alles ähnliche mehr. Ich glaube diese symbolische Ebene sollten wir wirklich ernst nehmen. Insofern bin ich auch froh, daß es diesen ganzen Kulturblock während dieses Kongresses gibt.


1. "Endlich ein normales Volk"

Nun also zum ersten Teil. Ich will eine Sache nur sehr knapp behandeln, in Anknüpfung an das, was gestern in der Diskussion passiert ist. Die ganze Frage, die sich um die viel zu einfache Frage drehte, war, wer ist den nun die treibende Kraft dieser Rechtsentwicklung. Entweder die bürgerliche Mitte, der Staat oder aber die Nazis. Bei den meisten Beiträgen war nicht deutlich, inwiefern man das Zusammenspiel dieser Kräfte betrachten muß. Wer ist da gerade die dominante Kraft, aber welche zieht auch weiter mit und wie stellen sich die Austauschprozesse dar? In letzter Instanz wurde diese Frage zu einer Glaubenseinschätzung gemacht oder einfach [[pi]] * Daumen beantwortet. Ich denke, wenn man ernsthaft analysieren will, muß man auch schauen, in welcher Phase der Entwicklung war welche Kraft treibend und wer war weniger wichtig, und wie wechseln solche Verhältnisse. Aus Zeitgründen läßt sich das an dieser Stelle jetzt nicht in aller Ausführlichkeit darlegen. Ich möchte aber einfach zwei Beispiele für solche Austauschprozesse zwischen dem Mainstream der Gesellschaft und den Nazis zeigen.

Asyldebatte
In der Asyldebatte konnte man dies sehr gut sehen. Ich möchte anhand einiger Zeitungsmeldungen zeigen, wie es mit den Austauschverhältnissen schon einmal funktioniert hat. Diese sind aus der Hochzeit der Asyldebatte. Viele kennen sie auch, aber es sind ja heute auch viel jüngere Leute da, die eventuell diese Entwicklung gar nicht live miterlebt haben. Das ist eine Titelseite der größten Tageszeitung, die wir haben, ihr kennt sie alle. Darauf parallel gestaltet die Überschrift "Drei Blutschanden". Die Blutschande - ein tradierter Nazibegriff - ist, wie auch der Blick in aktuelle Lexika verrät, immer noch doppelt kodiert. Er bedeutet einerseits familiärer Inzest. Die Begriffsbedeutung steht aber auch für die sog. "Rassenschande". Auf der selben Zeitungsseite weiter unten wird dieses Motiv mit einem weiteren kombiniert: "Miethaie - die ersten bestraft". Auch "Miethaie" ist keine Neuerfindung dieser Tageszeitung, sondern dieser Begriff geht zurück auf den "jüdischen Spekulanten". Und zwischen diesen beiden Schlagzeilen, die dritte "Asylanten - Bonn wach auf!". Allein über die Gestaltung dieser drei Meldungen, denen jeweils ein "Endlich!" als verbindendes Element vorangestellt ist, wird deutlich, daß hier eine für diese Zeit aktuelle rassistische Kampagne mit Elementen des tradierten völkischen Nationalismus zusammengeschaltet wurde. Und das nicht in irgendeinem Nazi-Blatt, sondern in einer am jeden Kiosk offen ausliegenden Tageszeitung. Das war kein Einzelfall, aber eins der krassesten Beispiele, wo Elemente der Nazi-Ideologie einfach aufgenommen und verbreitet wurden. Ich sage nicht, die Bild ist ein Nazi-Blatt. Genau weil sie das nicht ist, macht es um so schlimmer. Die Bild hing sich bei diesem Thema selbstverständlich öfter aus dem Fenster. Ich will noch zwei andere Titelseiten zeigen. Daran läßt sich erkennen, wie man den Leuten über einen Zeitraum, hier vom 1. 9. - 8. 9. 92, das Problem immer näher herbeizoomt: "Asylanten jetzt auf Schulhöfen!" Und eine Woche später schon die Drohung: "Familie muß Asylanten aufnehmen!" Näher konnte man dem deutschen Kleinbürger das "Problem Flüchtlinge" nicht bringen. Als hätte man die demnächst zwangsweise im eigenen Wohnzimmer sitzen. Das war natürlich völliger Hirnriß, es gab überhaupt keine reale Grundlage für eine solche Annahme, aber das war eben auch ein Produkt, nicht der Nazi-Presse, sondern der Bild. Und dies steht repräsentativ für einige andere.
In dem Moment war es dann so, daß gewisse Nazi-Kreise das sofort übernehmen konnten. Betrachtet man zum Beispiel die Titelseite der Remer-Depesche. Remer war derjenige Offizier, der sich am 20. Juli 1944 gegen den konservativen Widerstand um Staufenberg einige Verdienste erworben hat. Für den Führer war er an den Verhaftungswellen nach dem gescheiterten Attentat maßgeblich beteiligt und war dann auch nach der deutschen Niederlage bis an sein Lebensende, welches er in Spanien erlebte, als Nazi aktiv. Er gab beispielsweise diese Remer-Depesche heraus. Die übernehmen einfach die Bild-Titelseite und powern dann noch ein bißchen stärker hinein. Daran bemerkt man für den Medienbereich ein direktes Zusammenspiel von Mainstream und Nazis. Man könnte dies jetzt für die ganze Kampagne "Asyl" über etliche Jahre hinweg immer wieder zeigen. Es gibt dann Unterschiede, wer gerade die treibende Kraft ist, denn das Verhältnis ist wechselhaft. Insofern konnte man bei der gestrigen Diskussion für jede These, wer jetzt gerade der Schlimmere ist, etliche Belege finden, weil dieses Verhältnis auch innerhalb dieser Kampagne gewechselt hat.
Ebenso läuft es bei anderen Prozessen, die genauso rassistisch mobilisieren. Denn nachdem das Recht auf Asyl faktisch abgeschafft war, hat ja nicht nur die extreme Rechte in ihrer Publizistik umgeschaltet auf sogenannte "Ausländerkriminalität", "Flüchtlingskriminalität", sondern das kam auch aus dem Innenministerium. Da war es auch so, daß die faktischen Maßnahmen vom Herrn Kanter (ehem. Bundesinnenminister d. Red.) sofort greifen konnten, während bei der "Asylproblematik" über einige Jahre hinweg praktische Konsequenzen blockiert waren, weil eine 2/3- Mehrheit im Bundestag für eine Grundgesetzänderung notwendig war. Für die Kampagne zur sog. "Ausländerkriminalität" war die extreme Rechte gar nicht in dem Maße wie bei der Abschaffung des Asylrechts nötig. Man könnte dies sehr detailliert betrachten und sähe dann auch, wer wann wie getrieben hat, wer plötzlich die Führung übernommen hat. Es gab aber immer ein Zusammenspiel. Oftmals auch ohne, daß man jetzt sagen konnte, die liegen alle in einem Bett und kuscheln. Die richtige Pogromwelle Anfang der 90`er Jahre war für die bürgerliche Mitte nicht vorteilhaft, wegen des Ansehens von Deutschland im Ausland. Die Industrie machte in Folge dessen Öffentlichkeitsarbeit dagegen, weil sie Angst hatte vor den drohenden Imageverlusten und daraus resultierenden Exporteinbußen. Gleichzeitig machte die Politik aber die Pogrome zum Argument für die Abschaffung des Asylrechts. Angeblich zeigten die rassistischen Übergriffe, daß es um so dringlicher sei, beim Asylrecht zu intervenieren. Es gab also so etwas wie eine antagonistische Kooperation, die dabei stattfand. Nicht alle politischen Mitspieler sind auf der selben Wellenlänge, sie senden nicht auf der selben Frequenz. Aber es gibt das Zusammenspiel und das wirklich in allen Bereichen des Rassismus und auch nicht erst seit 1989. Man kann mindestens seit Mitte der achtziger Jahre einen doppelt wirkenden Prozeß feststellen, den wir als gleichzeitigen Rechtsruck in die Mitte und Rechtsruck der Mitte benannt haben. Die extreme Rechte bemühte sich ihre Ideologie kosmetisch zu modernisieren und in der Mitte der Gesellschaft Fuß zu fassen. Während gleichzeitig die Mitte der Gesellschaft zunehmend liberale Positionen aufgab, sich zunehmend wieder rassistisch auflud und das Nationale wieder in der Vordergrund stellte. Die bewegten sich aufeinander zu und es sind dennoch auch politisch konkurrierende Kräfte. Das ist ein Beispiel für das Normalwerden von rechten Positionen in der Mitte der Gesellschaft.

Normalitätsbegriff
Das zweite Beispiel, welches ich ausgewählt habe, ist eines, wo das Verständnis von Normalität selber zum Thema des Normalwerdens von rechten Positionen wird. Das ist die Rede Martin Walsers zur Verleihung des Friedenspreises des deutschen Buchhandels 1998. Der diesjährige Festakt zur Verleihung war ja in gewissem Sinn, ohne daß dies direkt formuliert wurde, eine Zurücknahme, denn der Preisträger von 1999 Fritz Stern hat in seiner Rede die Normalitätsthese verneint. Damit war natürlich längst nicht rückholbar, was durch die Walser-Rede losgetreten worden ist - gerade auch an Antisemitismus. Mit Walser kam dieses Normalitätsmoment, dieses "Endlich ein normales Volk" aus dem rechts-konservativen, rechten Rand tatsächlich ins Zentrum der Gesellschaft. Er wurde auch über lange, lange Zeit kaum von den Rest-Liberalen kritisiert. Die Konkret hat nicht zufällig zu dieser Debatte eine Titelgeschichte gemacht mit Bubis-Bild und der Schlagzeile Allein unter Deutschen. Bubis war während der Debatte wirklich lange Zeit allein geblieben. Eines der Elemente in der Rede Walsers, die so fatal waren, war die Passage, als er davon sprach, daß die Deutschen endlich ein normales Volk seien. Er hatte das verkleidet in eine Frage, aber dies war schon so suggestiv, daß die These deutlich wurde. Dieses Gerede von Normalität bei Walser war nicht kontextlos, das war auch keine neue Sache, sondern das stand bei ihm im Kontext von früherem Normalitätsgerede. Was man über die Leute, die es von sich gegeben haben, leichter verdeutlichen konnte. Entsprechend wurde auch diese Passage von der rechtsextremen Presse ganz geil aufgenommen. Die Junge Freiheit machte daraus in riesen Lettern die gesamte Titelseite. Eine Ausgabe, in der sie dann auch die Walser-Rede komplett abdruckte. Die Zeitung Der neue Republikaner, brachte auf der Titelseite die Kopfzeile Endlich ein normales Volk? Und der entsprechende Artikel im Blatt, geschrieben vom Herrn Schlierer, dem Parteivorsitzenden der REPs, war mit dieser These überschrieben, die natürlich bestätigt wurde. Daß die Rechten so wild darauf waren, lag daran daß dies genau auf der Linie lag, die deren Presseorgane Jahre vorher schon gefahren waren - inklusive des Normalitätsbegriffs. Es gab beispielsweise im Sommer 1993 einen Leitartikel in der Jungen Freiheit, von deren Chefredakteur geschrieben. Die Überschrift: Wann werden wir endlich normal? Und was er sich darunter vorstellte werde ich jetzt gleich vortragen. Der Artikel ist, was die Einschätzung der damaligen Bundespolitik betrifft, ziemlich verquast, wenn man ihn liest, hat man den Eindruck, die BRD wird regiert von einem Rat aus kommunistischen Lesben, sozialistischen Schwulen und irgendwelchen Antiautoritären. Man muß da in Erinnerung halten, es war eine Regierung Kohl. Aber bei Stein in der Jungen Freiheit hat man den Eindruck es handelt es sich um ein alternatives Programm. Das Grundverständnis der BRD sei zumindest linksalternativ. Stein schrieb: "Seit 1989 müßte Deutschland eigentlich Relikte der alten Bundesrepublik ablegen. Nationvergessenheit und Geschichtsvergessenheit, Machtignoranz, antiautoritäres Denken (Man höre und staune - zu Zeiten Kanthers im Inneministerium "antiautoritäres Denken" A.S.), Pazifismus, Feminismus, Antimilitarismus (Die Bundeswehr war wohl abgeschafft. A.S.), Vergangenheitsbewältigung und Westextremismus." Diese Wahrnehmung war ziemlich paranoid, deshalb auch diese verzweifelte Frage: Wann werden wir endlich normal? Der Begriff ist ja meistens so besetzt, daß Menschen sich unangenehm fühlen, wenn sie merken, sie sind nicht ganz normal. Denn eine Gegenbezeichnung lautet ja "verrückt". Also wurde wirklich verzweifelt gefragt, wann wir endlich normal werden. Nur ein paar Nummern später in der Jungen Freiheit gab es noch einmal so eine dicke Schlagzeile. Da wurde Ernst Nolte interviewt, der Historiker aus Berlin, der angefangen hatte, die Auschwitzleugner geschichtswissenschaftlich zu veredeln. Er schloß sich ihren Thesen, daß es in Auschwitz keine Gaskammern gegeben hätte, nicht an, aber er meinte, man muß dies ernsthaft wissenschaftlich diskutieren, die gehören auch zum wissenschaftlichen Diskurs. Und er nannte das, "den Normalgang der Wissenschaft herstellen". Auschwitzleugnung als normale These in einer Debatte um deutsche Geschichte. Auch sozialdemokratische Vetriebenenorgane haben mit diesem Begriff "Normalität" gearbeitet. In einer ihrer Zeitschriften, mit dem Namen Die Brücke, die in der Hauptsache eine Publikation der sudetendeutschen Sozialdemokraten ist, heißt es, daß das Gesetz gegen die Auschwitzleugnung, etwas völlig anormales sei, man müsse auch bei so einer Frage die Normalität durch die Bereitschaft zur demokratischen Streitkultur zeigen. Normalität im Umgang mit denjenigen, die Auschwitz leugnen. Mit denen soll man also normal diskutieren.
Dies sind auf den ersten Blick Minderheitenphänomene. In die Breite wirkten solche Argumente schon 1993, als Kohl seinen Kandidaten für das Amt des Bundespräsidenten vorstellte, die ortsansässigen Zuhörer ahnen schon, ich rede vom Sachsen Steffen Heitmann. Der erklärte in einem Interview in der Welt: "Deutschland steht jetzt vor der Aufgabe, wieder ein normales Volk unter normalen Völkern zu werden." In einem Interview mit der Süddeutschen hat er das dann präzisiert und vollführte dabei einen Eiertanz um die Frage nach der Singularität der Judenvernichtung. Bei ihm wurde diese übrigens der "organisierte Tod" genannt. Und jener sei so einmalig wie andere historische Vorgänge auch, also ist die Einmaligkeit wieder weg. Und Heitmann sorgte sich in diesem Interview, kaum 50 Jahre nachdem durch die militärische Zerschlagung des Nazismus die Vernichtung der Juden durch die Deutschen gestoppt werden konnte, kaum 50 Jahre danach, sorgte er sich im Interview, daß die Erinnerung an die Shoa den Deutschen "bis ans Ende der Geschichte eine Sonderrolle auflegen werde". "Das dürfe nicht sein. Deutschland müsse eine normales Land werden, die Deutschen ein normales Volk." Es war klar, daß Heitmann damit auch zum Lieblingskandidaten von Junge Freiheit & Co wurde. Damals sprang ihm mit einem ellenlangen Essay im Spiegel ein gewisser Martin Walser bei. Er verteidigte Heitmann. Insofern war auch die Frankfurter Paulskirchenrede nicht ein erstmaliger Ausrutscher vom Herrn Walser, sondern man konnte sehr genau wissen, wen man da den Preis um den Hals hängt. Und Walser hat genau an diesem Diskurs angeknüpft und ihn erfolgreicher als andere noch in der Mitte der Gesellschaft plaziert. Hinzukamen noch etliche andere Knaller in dieser Rede, vor allem was er an Antisemitismus losgetreten hat. Ich will das jetzt nicht weiter verfolgen, mir geht es darum, daß auch dieses Normalwerden für Deutschland selbst wieder Teil des Prozesses ist, wie rechte, extrem rechte Positionen in der Mitte, im politischen Alltag landen, in gewisser Weise normal werden.
An dieser Stelle ist jedoch erst einmal zu klären, was "normal" überhaupt heißt. Ich hatte im vorletzten Satz schon das Wort "Alltag" mit drin. Man wird jedoch zwischen Normalität und Alltag unterscheiden müssen.

2. Normalismus oder wie Normalität produziert wird

Ich beziehe mich besonders auf Forschungsarbeiten einer befreundeten Gruppe in Bochum um Jürgen Link, die unter anderem die Zeitschrift kulturrevolution herausgibt. Sie arbeiten schon seit Anfang der 80'er Jahre vor allem an Medienanalysen zum Thema "Out of area-Einsätze". Sie haben bereits sehr früh davor gewarnt, was dieses Jahr in Punkto Kosovo passiert ist. Des weiteren machen sie Analysen zum Rassismus in den Medien, wie wir Duisburger auch, und Jürgen Link hat in dem gleichen Zeitraum auch ein theoretisches Modell von Normalisierung entwickelt, in seinem etwas schwierig zu lesenden, dicken, dicken Buch Versuch über den Normalismus. Ich versuche das jetzt allgemein verdaulich, in wenigen Minuten darzustellen, was Jürgen Link kompliziert, dennoch gut und lesenswert auf vierhundert und mehr Seiten untergebracht hat. Dazu nur eine Sache noch ganz knapp. Ich mache dies jetzt nicht mit allen theoretischen Hintergründen, z.B. auf wen sich Jürgen Link bezieht und anderes mehr. Ich werde auch nicht erklären, was Diskurstheorie ist, ich werde auch nicht weiter auf Michel Foucault eingehen, auf den sich Link bezieht etc. Ich will zu dem theoretischen Hintergrund wirklich nur eines sagen, angesichts mancher Dummheiten, die von antinationalen Gruppen in linksradikalen Blättern geschrieben werden. Glaubt man dem ISF oder einige Leuten von der Bahamas, dann würde ich jetzt hier sozusagen die Theorie eines Faschisten präsentieren, weil Foucault ja irgendwie auch Nazi sei und so weiter. Man mußte sich da in der Jungle World in letzter Zeit an einige Blödheiten leider gewöhnen. Mir ist das eigentlich zu blöd, solche Vorwürfe so ernst zu nehmen, um sie auch noch zu bestreiten. Ich gebe nur den warnenden Hinweis. Und die Leute, die so etwas schreiben, die sollen die angegriffenen Sachen erst mal lesen, dann würden sich solche Dummheiten erübrigen. Nun also zur Klärung der Begriffe.
Normalität ist nicht gleich Alltäglichkeit. In unserer Gesellschaft ist Alltäglichkeit normal und normalistisch, aber in all den Gesellschaften, die nicht moderne kapitalistische Gesellschaften sind, in all den Gesellschaften vorher, war Alltag nicht normalistisch. Das werde ich gleich noch genauer erklären, jedenfalls ist das nicht deckungsgleich. Das kommt also auch nicht nur aus dem Alltagsverständnis heraus und aus den alltäglichen Zwängen des menschlichen Lebens, vom Stoffwechsel bis sonstwohin. Des weiteren ist Normalität nicht identisch mit "Norm". Es gibt interessierte Kreise, die das gerne ineinander schmeißen. Es gibt auch eine gemeinsame Wortherkunft, also Ethymotologie. Aber die gerät an der Stelle zur "Ethymogelei", wenn man Normalität zur Norm erklärt als sei das etwas wie das Gute oder eine christliche Norm. Brigitte Sebacher-Brand, die Witwe und heutige Kurtisanin der Deutschen Bank hat ja genau das Mitte der 90'er in ihrer Paulskirchenrede versucht, sie hat Normalität tatsächlich zur Utopie erklärt. Sprich die Absage an jegliche Utopie durchsetzen zu wollen. Sie sagte "Normalität, was sonst sollten wir wollen als Normalität". Ich kann mir da schon noch andere Dinge vorstellen.
Der Unterschied von Norm und Normalität ist leicht zu erklären, wenn er am Unterschied von Sexualnormen und Normalität statistischer Art verdeutlicht wird. In katholischen Ländern ist Abtreibung gewiß nicht normgemäß, sondern verstößt gegen sie. Aber selbst dort kann man statistisch zeigen, daß sie zur Normalität gehört. Was Normalität ist, weiß man immer erst hinterher; was eine Norm ist, wissen die Pfaffen immer schon von vornherein. In jeder christlich geprägten Gesellschaft mit der entsprechenden Sexualethik ist Homosexualität in keinem Fall normal im Sinne von normgemäß. Dennoch läßt sich auch hier statistisch zeigen, daß sie zur Normalität gehört. Ebenso Spezifika des Geschlechtsverkehrs, die auch nicht so, wie sie praktiziert werden, in den christlichen Normbüchern stehen. Man merkt dann hinterher über Kinsey-Reporte und ähnliches, was es da alles gibt, was eine Normalität in dem Bereich ist. Die kann dann übrigens auch nachträglich über entsprechende Ratgeberliteratur, über Kioskzeitungen, selbst wiederum zur Norm werden. Also wer mangelnde Koitusfrequenz hat und plötzlich liest, wie oft's die anderen treiben, der stellt sich auch die Frage: "Ja bin ich noch normal?" Umgekehrt geht das auch. Das sind sehr banale Sachen. Diese Normal-Verständnisse gerade der statistischen Art haben sich auch gezeigt, bezogen auf Flüchtlinge. Das nur nebenbei, um es zu erklären, wie es auch zu diesem Punkt "Handlungsbedarf" kam. In der Frühzeit der BRD durften sehr viele Flüchtlinge kommen, da waren es nämlich gute, deutschen Blutes. Dann ging das rapide runter und dann gab es eine steigende Linie. Oftmals wurde die dann noch prognostisch weitergeschrieben. Die Steigerungsrate vom letzten Jahr auf die nächsten zehn Jahre projeziert, dann kriegt man exponentielles Wachstum, daß sind so explodierende Kurven, dann rastet das aus, dann überschreitet das Wachstum eine symbolischen Grenze. Dann muß unbedingt gehandelt werden. So funktioniert die Machart. Witzigerweise kommen da immer so runde Zahlen raus. Keiner sagt 98.500 ist Belastungsgrenze, 100.000 oder 1 Millionen, da genau liegt die Grenze. So wird das gebaut. Normalität, die dann wieder zur Norm werden soll. Dies sind reine Konstruktionen. Keiner kann angeben, wie er diese Belastungsgrenzen errechnet. Aber sie werden symbolisch durchgepeitscht. In Darstellungsweisen, Grafiken zum Beispiel, die immer pseudowissenschaftlich und objektiv daherkommen. Der Hintergrund, warum dies so einfach verfängt, liegt in der Herausbildung dieses Normalitätsverständnisses und da muß ich jetzt tatsächlich für einen Moment ins letzte Jahrhundert. Da gab es eine ganz entscheidende Entwicklung im Verhältnis zu dem, was normal ist oder was nicht mehr. Es setzte sich ungefähr in der Mitte des 19 Jh. in der Wissenschaft, gerade bezogen auf Sexualität, Gesundheit/ Krankheit, bzw. Gesundheit und Wahn eine zunächst die Leute erschreckende Vorstellung durch. Daß es nämlich keine strikte Wesensdifferenz gibt, zwischen sogenannt "gesund" und "wahnsinnig". Oder zwischen gesunder Sexualität und ihrer Abweichung. Ganz wichtiges Beispiel. Statt dessen stellte man damals fest, es gibt graduelle Unterschiede, die man auf eine Skala bringen kann. Nicht eine Sache hier, da die andere, sondern es gibt Übergangsformen und ähnliches mehr. Bei einigen Prozessen stellte man dann auch noch fest, daß sie sich statistisch unter einer Gauskurve verteilen. Die kennt ihr alle vom 10-Mark-Schein, diese mathematische Normalverteilung. Da gibt es also einen Mitte-Bereich, der liegt im Bereich des Akzeptablen. Und nur noch die Extreme, die wurden rausgekämmt. Aber man konnte nicht mehr strikt trennen, der ist wahnsinnig und ich habe die geistige Gesundheit. Freud ist da auch ein wichtiges Beispiel dafür, wenn er die Psychopathologie des Alltags erklärte. Oder die Leute damit schockierte, daß sie ziemlich monströse Vorstellungen haben. Vatermord und mit der Mutter schlafen als Normalität, das entsprach nicht der Norm. Auch da ist keine Wesenstrennung krank/gesund; wahnsinnig/gesund. Gleichzeitig war das für die entsprechenden Kreise eine sehr erschreckende Vorstellung. Die erweckte sozusagen "Denormalisierungsangst". Gleich bekamen sie Panik, denn wenn die Grenzen nicht so fest sind, kann ich auch jederzeit in den anormalen Bereich mit reinfallen. Es gab dafür eine Lösung, die sich gleich auch politisch zeigte. Und die unmittelbar mit Rassismus und Antisemitismus zu tun hat. Obwohl man erkannt hatte, daß die Grenzen fließend sind, zog man künstlich um so striktere Grenzen wieder ein. Wichtiges Beispiel dafür, auch ein sehr tragisches Beispiel, ist Otto Weininger. Der hat ein ganz furchtbares Buch geschrieben, Geschlecht und Charakter, um die Jahrhundertwende in Wien. Im ersten Teil dieses Buches gibt es bei Otto Weininger tatsächlich diese fließenden Grenzen, gerade auch was das Sexuelle angeht. Er hat zum Beispiel tatsächlich geschrieben, "Homosexualität ist keine Anomalie". Er hat sexuelle Mittelstufen eingeführt. Nicht nur Männlein/ Weiblein, sondern dazwischen gibt es auch was. Er war dann aber über die Erkenntnis so erschrocken, daß er die Mauern hochriß. In fast paranoider Angst hat er sein flexibles Denkmodell, welches von einer kontinuierlichen Achse ausgeht, auseinandergehackt, in einen ganz strickten Gegensatz. Mit solchen Denkmitteln, wie Charakterolologie und ähnlichem mehr. Dieser Operation, endlich wieder eine Grenze zu ziehen, fallen zwei Gruppen zum Opfer. Einmal "der Jude", meistens nur im Singular benannt. Und zum anderen "das Weib". Die werden da parallel geschaltet. Weininger schreibt: "Der Jude sei der Grenzverwischer überhaupt." Also der absolute Feind. Wenn man Grenzen braucht ist der Grenzverwischer der absolute Gegenpart. Mit diesen Buch hat Weiniger sich einen guten Ruf bei entsprechenden Kreisen eingehandelt. Hitler schätzte ihn als den einzigen "anständigen Juden". Der sich durchschaut habe und deshalb erschoß. Man merkt auch gleich die Verknüpfung zum Antisemitismus und zum Rassismus. Es gibt weitere Beispiele, wie Grenzen aus Denormalisierungsangst dicht gemacht wurden. Was Weininger persönlich existentiell erlebte, ist allgemein eine Strategie von modernen Gesellschaften die Dynamik, diese wacklige statistische Normalistätsverteilung doch wieder in ein Ordnungsschema zu bringen. Jürgen Link nennt diese Strategie die "protonormalistische", weil sie noch gar nicht so modern ist, sondern vor allen Dingen auf vormoderne Ausgrenzungsstrategien zurückgreift. Schon um die Jahrhundertwende gab es eine konkurrierende Strategie, die sogenannte "flexibel-normalistische". Die baut Toleranzbereiche. Sie nimmt nicht nur diese zwei Pole, sondern sagt, in diesem breiten Mittelbau sind wir tolerant bis zu der und der Stelle, aber ab dem Rand, da schneiden wir doch ab. Sie ist jedoch flexibler, wie sie den Rand abschneidet, wie sie ihn ausgrenzt. Zwischen Ermordung und anderen Formen von Ausgrenzung gibt es eben Differenzen. Auch von jener Strategie gab es ganz wichtige Momente der Durchsetzung in Deutschland. Bis 1945 dominierte in Deutschland, Protonormalismus der krassesten Form. Bezogen auf die Kulturebene, denn von der rede ich. Vielleicht sollte ich dazu sagen, daß Protonormalismus und Kapitalismus Konzepte sind, die nebeneinander liegen. Normalismus ist in dem Falle an Kapitalismus gekoppelt. Es gab aber auch einen Normalismus im Staatssozialismus. In Deutschland war Protonormalismus bis zur durchgedrehtesten Form der Normalfall. Nach 1945 hat sich über die US-Orientierung in Westdeutschland langsam eine flexibel-normalistische Strategie durchgesetzt. Der entscheidende Durchbruch dafür war 1968. Zu merken anhand der ganzen sexualpolitischen Vorstellungen, an der Schwulenemanzipation, am Feminismus. Wobei die Schwulenbewegung das immer noch nicht so richtig kapiert hat. Während es den Paragraphen 175 gab und jeder homosexueller Akt ein subversiver war und ein sexueller Normverstoß, konnte man darüber Identität aufbauen, auch als wesentlich subversive. Mittlerweile ist dies weggefallen, und nun sind die Linken innerhalb der Schwulenbewegung ganz entsetzt, daß diese nicht mehr revolutionär ist. Ein Ergebnis von 1968. Auf anderen Ebenen findet man dies genauso. Auch da wurden Ausgrenzungsstrategien lockerer und Toleranzbereiche eingeführt. Seit 1989 gibt es einen protonormalistischen Backlash. Das brauche ich nicht weiter erläutern, ich haben eben schon das Rassismusbeispiel genannt. Wichtig ist, daß diese Strategien von Normalisierung immer auf Subjekte zugreifen, daß sie immer auch bestimmte Subjektivierungsprozesse nach sich ziehen. Die Leute werden über so etwas geprägt. Dieser einfache Mechanismus, daß man sich selber checken kann, bin ich noch normal oder nicht, greift tatsächlich in die Subjektbildung ein. Man könnte das jetzt noch genauer erklären, wie zum Beispiel die Vorgaben medial, politisch und in der Erziehung gemacht werden. Besonders wichtig ist aber dabei, daß einzelne Momente von protonormalistischer Subjektbildung ein Gesamtpaket herausbilden. Der flexible Normalist kann in seine Subjektbildung auch partiell starre Grenzziehungen einbauen. Beispiel: Die Flexibilitätsnormalisten, die plötzlich ganz strikt dagegen sind, daß weiter Flüchtlinge nach Deutschland kommen, sind immer noch, was Sexualitätspolitik betrifft, ganz liberal. Hingegen diejenigen Subjekte, die über solche Schlüsselereignisse, wie rassistische Kampagnen in so eine protonormalistische Subjektivierungsbahn reingebracht werden, nehmen auch das Gesamtpaket an Ausgrenzung an. Insofern greifen dann auch immer die verschiedenen Feindbilder ineinander. Es findet eine Bündelung verschiedener Motive statt, gerade bei den neuen Hitlerjungen. Das heißt, der Protonormalismus in Sachen Einwanderung schlägt sich bei der Subjektbildung auch in anderen Bereichen nieder. Es gibt dann gegenseitige Verstärkungseffekte. Genauso muß man sich klar machen, insofern zum Beispiel die Bundeswehr noch Sozialisationsinstanz ist, eine Institution zur Verbreitung von Protonormalismus, Männlichkeitswahn und Ähnlichem mehr. Seit wieder Bundeswehreinsätze im Ausland diskutiert werden und faktisch stattfinden - bisher noch auf einem relativ kleinem Level und ohne, daß die "Normalsoldaten" heftig dabei sind, wird auch das im Sinne der Subjektbildung schlimme Folgen haben. In der USA wird das immer wieder diskutiert als "Remaskulinisierung". In Folge jedes Kriegseinsatzes, den die USA durchführen, gibt es kulturell in der Gesamtgesellschaft einen Trend stärkerer Betonung männlicher Werte. Verbunden mit einem Backlash in Bezug auf die Stellung der Frau, oder für sexuelle Minderheiten. Dies geschieht, weil diese Subjektbildungsmodelle immer als Paketlösung greifen. Das bleibt an dieser Stelle aus Zeitgründen in den Raum gestellt.
Es soll nämlich jetzt gezeigt werden, inwiefern dies für die Gesamtkultur Bedeutung hat. Es gäbe viele Bereiche, wo man sich dieses Normalitätsmuster anschauen kann. Ich habe einen ausgewählt, der wieder direkt mit dem Politischen zu tun hat und an dem man bemerkt, wer denn zu dieser Gemeinschaft der Demokraten gehört, wer also in den Glockenbauch der Gaus'schen Normalverteilung fällt, bzw. wo abgeschnitten und ausgegrenzt wird.
Wenn man sich das Gerede über Politik in den Medien anschaut, läßt sich darstellen, wie dieser Staat und diese Gesellschaft ein politisches Selbstbild entwickelt und den Leuten nahe bringt. Die erste Sache ist ganz einfach - und auch wir spielen dabei immer mit, wenn wir uns als links, linksradikal bezeichnen - es wird eine horizontale Achse durch die Gesellschaft gezogen, von links bis ganz rechts. Mittlerweile geht dies auch bei demoskopischen Erhebungen so weit, daß Wähler gefragt werden, wo würden sie sich selber orten. Es gibt dann immer ein ganz dickes Gedrängel in der Mitte. Dies ist eine sehr außergewöhnliche Sache für ein politisches System, daß bei uns immer alle in der Mitte sein wollen. In Frankreich zeigt sieht es ganz anders aus. In Frankreich gibt es Politologen, die nicht linksradikal, aber der Meinung sind, diese ganze Magie der Mitte sei absolut unpassend für ein demokratisches politisches System. Sie sagen, es muß zwei Positionen geben, eine linke und eine rechte und zwischen denen wird ein Streit ausgetragen. Jene französischen Intellektuellen entwerfen ihren Parlamentarismus im Sinne eines "Bürgerkriegsmodells", eine Art pazifizierter Bürgerkrieg versteht sich. Zwischen Links und Rechts im Parlament. In Deutschland tummelt sich alles in der Mitte. Eventuell hat das was mit der Transformation des Nationalsozialismus in die Demokratie zu tun, von der im Beitrag von Andres Benl noch die Rede sein wird.
In Deutschland entwickelte sich jedenfalls ein favorisiertes Selbstbild einer politische Kultur, wie es sich zum Beispiel in dem FDP-Slogan "Mitte stärken, Extreme stoppen!" ausdrückt und bekanntlich hat auch Schröder mit der Parole von der "Neuen Mitte" um Wählerstimmen geworben. Diese vorerst nur horizontale Einteilung der politischen Spektren läßt sich jetzt nach und nach ergänzen, bis man zu einem "U-Boot-Modell" der Gesellschaft kommt.
Die Links-Rechts-Achse wird durch die Parteienzuordnung ergänzt und im Zentrum steht zum Beispiel die Schlagzeile "Union will PDS und die Republikaner massiv bekämpfen". Oftmals hört man auch, beide müssen gemeinsam verboten werden. Die ersten Parteienverbote in den 50'er Jahren der alten BRD trafen einerseits die KPD, andererseits die Nazipartei Sozialistische Reichspartei. Es wird nach diesem Gesellschaftsmodell immer gleichgewichtig rechts und links ausgegrenzt. Die Problemverortung beginnt aber schon in sanfterer Art und Weise, setzt also nicht erst mit der Verbotsforderung an. Betrachtet man die linke Seite des Spektrums, so haben wir hier ganz abgestuft die Grenzen des Inakzeptablen. Es fängt an mit dem Extremismus, der juristisch definiert ist. Sobald jemand als extremistisch gilt, darf er nach den Verfassungschutzgesetzen mit geheimdienstlichen Mittel beobachtet werden. Noch schlimmer ist dann der Fanatismus, da kommt ein kulturelles Moment hinzu. Ein Beispiel sind die angeblich in Deutschland ihr Unwesen treibenden "islamischen Fanatiker". Eine weiteres Merkmal der ausschließenden Grenzziehung ist die "Gewaltfrage". Man kennt das "Keine Gewalt" ja ausgiebig. Über die Terrorgrenze muß wohl auch nicht mehr allzu viel gesagt werden. Wie damit im hiesigen politischen System umgegangen wird, ist hinreichend bekannt. Zwei Ortsnamen reichen schon, um den Variantenreichtum zu kennzeichnen - Stammheim und Bad Kleinen. In dieses Modell wird auch, natürlich symbolisch, es geht hier nicht um das Kapital, eine Oben-Unten-Ebene eingebaut. Das wird dann auch körperlich symbolisiert. Oben der Kopf, unten die Gliedmaßen und im Zentrum die Genitalien. Neben der horizontalen und der vertikalen Einteilung verfügt dieses Modell auch über eine Diagonale, welche die Darstellung ergänzt. Auch hier geht es um zentrale Symbole. "Licht, Sonne, Wachstum, Vorwärts, Fortschritt" dorthin weist der Pfeil - die Linken konnten das auch immer gut buchstabieren -, während die andere Seite, das Gegenstück durch "rückwärts, Rückschritt, finsteres Mittelalter, Steinzeit" charakterisiert ist. Wie wichtig diese symbolische Einteilung ist, zeigt sich unter anderem bei der Abgrenzung vom Islam. Man müßte sich auf der rechten Seite solche Einzelgrenzen eventuell auch vorstellen. Dann müßte man an dieser Stelle aber auch diskutieren: a) Wie heftig werden die Grenzen auf der rechten Seite gezogen? Und b) Wie wichtig wäre es uns, daß diese heftiger gezogen würden? Wollen wir die ganzen staatlichen Apparate da eingesetzt sehen? Wollen wir dieses Modell an dieser Seite stärken, wollen wir uns noch stärker zu Mitsubjekten dieses Modells machen? Oder gehen wir "denen" damit nicht ganz schrecklich auf den Leim, weil es ja immer wieder dieses rechts-links-Geschaukel gibt. In diesem Zusammenhang muß auch klargestellt werden, und das ist eine historische Erfahrung, wenn in Deutschland die Konservativen "rot gleich braun" sagen, dann meinen sie das nicht ganz ernst. Im Zweifelsfalle haben sie immer wieder braun präferiert. Und haben, obwohl angeblich in der Mitte und gewissermaßen Protagonisten des Modells selber immer eine Ungleichung in dieses eingebaut.
Dieses Modells kommt natürlich nicht ohne Feinde aus. Früher, das Modell ist schon ein bißchen älter, gab es ein Gegensystem, was wir heute so nicht mehr haben. Bezogen auf die Äußerung von Kohl (1985), daß die DDR ein einzigstes KZ sei, wurde um das Gegensystem in früheren Darstellungen ganz liebevoll Stacheldraht gedreht. Das war der äußerlich wahrnehmbare Feind des Systems. Unten gibt's die amorphen Massen, subjektlose chaotische Fluten, Asylanten und ähnliches mehr. Insofern traf die Parole "Freies Fluten" auch immer den Nerv dieses Systems. Man muß nur überlegen, ob sie nicht einfach nur die Systemängste verstärkte. An den Medien ließe sich zeigen, wie über Metaphern Flüchtlinge und andere Feinde des deutschen Volkes symbolisch durchgesetzt werden. Die bringen das "Chaos" mit, sie werden als "Flut" imaginiert, sie werden mit Viren und immer noch nach Nazi-Tradition mit Ratten verbunden - die Strauß-Äußerung von den "Ratten und Schmeißfliegen" ist wahrscheinlich noch bekannt. Erinnert man sich an das Modell, so bemerkt man die offenen Stellen des Systems. An denen dringt das Chaos, die Asylanten, die Drogen etc. ein und gegebenenfalls werden sie dann eingesperrt, kommen in Lager. Egal wie man diese Modell darstellt, ob nun als U-Boot oder als Haus oder als Körper, es hat immer ein exponiertes Glied, welches besonders empfindlich ist. Dies konnte im Falle Deutschland die Lufthansa-Maschine in Mogadischu sein, das ist natürlich jede Ölquelle, das waren eine Zeitlang "unsere Jungs" in Somalia, das sind jetzt "unsere Jungs" im Kosovo, das sind "unsere Jungs" in Ost-Timor, die da bedroht werden.
Nach diesem Schema funktioniert eigentlich das meiste Gerede über Politik in der Politik und in den Medien. Die Slogans "Neue Mitte", "Mitte", sprechen davon und auch sonst finden sich viele Beispiele, wie Positionen nach diesem Modell symbolisiert werden.
Manchmal läßt sich auch bemerken, wie nach diesem Modell Positionen "verlinkst" werden. Also ich habe nie begriffen, warum eine Zeitlang in der Bundesrepublik der Hochtemperaturreaktor "links" sein sollte und die Siedewasser-Reaktoren "rechts". Das war aber Realität, die SPD "verlinkste" den Hochtemperatur-Reaktor. Ebenso war plötzlich links und rechts festgemacht an der Frage Glasfaserkabel oder Kupferkabel. Da werden sozusagen inhaltliche Positionen, sorry für das schlimme Wort, "entinhaltet" und nur noch mit der links-rechts-Symbolik gefaßt. Oftmals ist das legitim, wenn Leute sagen, ich bin ein Linker. Trotzdem ist die Nachfrage, was heißt das eigentlich inhaltlich, oftmals sinnvoll. Es funktioniert in der Hauptsache nur noch über leere Ortssymbolik, die uns natürlich schon deshalb einleuchtet, weil wir uns körperlich so orientieren. Aber die Analogie von Raumfrage und Politik ist wirklich an den Haaren herbeigezogen, sie ist nur eben seit ein paar hundert Jahren politisch etabliert.
Das wir uns selber in einem System verorten, ist vielleicht ein Problem. Nämlich, ob man über die Selbstbezeichnung "linksradikal" - erst recht wenn sie nicht weiter spezifiziert wird - sich nicht schon immer wieder symbolisch selber marginalisiert. Nach dem Modell situiert man sich zwischen PDS und absoluter Außengrenze, also kaum wahrnehmbar und ist damit leicht zu erledigen. Die Frage ist, wie bekommt die Linke ihre Forderungen in Bereiche, die dummerweise symbolisch von ihren Gegnern bedeckt ist. Das heißt nicht, daß an den Inhalten Abstriche gemacht werden müssen. Sondern es geht darum, wie diese Inhalte symbolisch verkauft, dargestellt, kulturell codiert werden. Wenn man nur in dem vorgegebenen symbolischem Modell verharrt, wird die Linke so klein und fein bleiben, wie sie jetzt ist. Dies mag ganz gemütlich sein und auch eine Ersatzfamilie abgeben, politisch ist dies aber keine hoffnungsvolle Strategie.


Die Diskussion:

Publikum: Meine Frage bezieht sich auf die Subjektbildung beim Protonormalismus. Habe ich richtig verstanden, daß die Leute sich positiv oder negativ auf diese Normen beziehen können? Daß sie sich sowohl ein- als auch abgrenzen können? Und, wie weit kann diese Abgrenzung gehen, vollzieht sie sich nicht, wie bei A. Cleaver (???) beschrieben, bis ins tiefste Unterbewußtsein?

A. Schobert: Wahrscheinlich läuft diese Formierung in der Hauptsache wirklich unbewußt. Über diese wirklichen Bombardierung mit dieser Symbolik des "Wir", des "in einem Boot sitzen", des "Normalen" usw. Und es läuft gerade weniger reflektiert, sonst würden die Leute merken wie närrisch, dumm und simpel das ist. Und was für schiefe Analogien da laufen, z.B., daß die Gesellschaft ein Körper ist, mit Kopf und Herz und exponiertem Glied. Dennoch wir kriegen das laufend präsentiert. Ihr könnt ja mal Gesundheitszeitungen lesen, und merken inwiefern diese populärwissenschaftlich das Modell bedienen. Abwehrkräfte als Bodentruppen, heißt es da beispielsweise und Ähnliches mehr existiert an symbolischer Dauerbeschallung. Man nimmt so etwas unbewußt an und schafft damit Subjektbildungen, wo sich gemeinhin schon fragen läßt, haben die Leute eigentlich noch das Recht, wirklich noch "ich" zu sich zu sagen, sprechen die wirklich oder werden die gesprochen, indem sie nur noch nachplappern, was gesellschaftliche Vorgabe ist.

Publikum: Mir ist nicht klar geworden, wo der Kern des Ganzen ist. Wo werden diese Grenzen produziert? Muß ich mich diesbezüglich mit ideologischen Apparaten auseinandersetzen, die auf das Individuum abstrahlen. Wir in Berlin hatten die Diskussion, im Rahmen der Innenstadtaktionen beispielsweise, wo ist der Ansprechpartner, wenn man Politik macht. Wie du eben am Schluß Deines Vortrages schon gesagt hast, geht es ja nicht nur darum an den Rändern zu agieren, sondern man muß sich auch zur Mitte dieser "Glocke" vorbewegen, ohne die Inhalte aufzugeben. Dies setzt aber voraus, daß ich dort Leute habe, die ich aufklären kann und darüber die Glocke wieder verschiebe. Dies steht unserer Analyse zumindest an einem Punkt diametral gegenüber, daß nämlich ein Teil des Angriffes aus dieser Mitte direkt kommt und von denen auch aktiv mitgetragen wird.

A. Schobert: Ich weiß nicht, ob das diametral gegenübersteht. Du hast gerade von einem Kern gesprochen. Ich glaube ein Zentrum in diesem Bereich gibt es nicht, sondern das ist ein Zusammenspiel verschiedenster Instanzen. Ihr könnt Eure Gegner ziemlich genau benennen. Es gibt eine Lobby, welche ein Interesse daran hat, die Innenstadt zu einer Konsummeile zu machen, und alles, was nicht in diese Konzept paßt rauszuschmeißen. Und diese Lobby wird natürlich auch vom politischen Apparat gestützt. Was die anderen Normalisierungsvorgänge betrifft, kann dies genauso ein medizinischer Apparat, ein psychiatrischer Apparat sein. Es hat ja beispielsweise auch mal so etwas wie Antipsychiatrie als politische Bewegung gegeben. Auch da ging es gegen diesen repressiven Protonormalismus. Der kommt aus den verschiedensten Instanzen und die spielen zusammen. Ich würde nie sagen, daß "Staat" da überhaupt keine Rolle spielt, gerade bei dieser Normierung ist der Staat im Zentrum und letzten Endes koordiniert er auch die einzelnen Kreise. Das heißt auch, und ich glaube das war im ersten Teil ganz klar bezogen auf den Rassismus - der kommt aus der Mitte -, daß man gucken muß, sich nicht nur symbolisch marginalisieren zu lassen, weil man da von vornherein auch eingemacht werden kann. Aber das heißt noch lange nicht, daß man opportunistisch Positionen in der Mitte erschleicht und Inhalte aufgibt. Es geht darum, je nach Thema Bereiche zu finden, wo man agieren kann. Dies kann in manchen Bereichen der Wissenschaftsbetrieb sein - aber dies wird auch immer schwieriger. Mittlerweile kümmern sich Dekane an der FU Berlin schon um Leute, die gerade mal eine halbe Stelle haben. Sie überprüfen, ob die politisch ganz sauber oder nicht vielleicht doch ein bißchen zu links sind. Das ist unglaublich. Es können andere Bereiche sein, wie Medien zum Beispiel, auch da werden die Chancen immer geringer. Ich habe auch kein Patentrezept, ich sehe nur die fatale Entwicklung, daß, solange man sich nur auf die linksradikalen Bereiche beschränkt, sich zur gesellschaftlichen Ohnmacht verdammt. Es mag sein, daß diese Mitte wirklich immer furchtbarer wird und das gar nichts anderes mehr bleibt. Dann müßte überlegt werden, ob man die Koffer packt. Ich habe allerdings die Hoffnung, daß es noch nicht ganz so weit ist.

Publikum: Du hattest über Norm und Normalität gesprochen. Daß es dabei Unterschiede gibt und auch Widersprüche und hast dies sehr anschaulich am Beispiel der Sexualität verdeutlicht. Was aber meiner Meinung nach hier viel eher interessant wäre, dieses Modell von Norm und Normalisierung auf den rechten Konsens zu übertragen.

A. Schobert: Ganz kurz: Das Sexualitätsbeispiel war einerseits aus Darstellungsgründen gewählt, andererseits weil es historisch sehr wichtig ist. Man kann von da die Verbindungen zu den einzelnen Elementen des rechten Konsens aufzeigen. Gestern wurde immer wieder die "deutsche Arbeit" angesprochen. Inwiefern die "deutsche Arbeit" mit dem kraftmeiernden "deutschen Mann" verbunden ist. Der auch linke Vorbilder hat, man braucht sich nur alte Plakate der Linken mit Arbeiterdarstellungen anzuschauen. Da wird auch die Wiederkehr der "ehrlichen Arbeit" als körperliche Arbeit propagiert. Ich hatte bereits die Remilitarisierung und ihren Einfluß auf das Verhältnis zur Männlichkeit angesprochen. Diese Prozesse verstärken sich gegenseitig. Wenn man sich in diesem Zusammenhang die Bewertung solcher Begriffe wie "ehrliche und körperliche Arbeit" anguckt, dann stößt man auf die entsprechenden Gegenbegriffe. Das Gegenbild zum männlichen Prachtkerl, der im Schweiße seines Angesichts schuftet, sind beispielsweise die tuntigen Männer. Ein weiteres Abrenzungsmodell, auf welches gestern zu recht hingewiesen wurde, ist der Antisemitismus. Denn der "geistige Arbeiter", "die Intellektuellen", sind sehr schnell auch zu "jüdischen Arbeitern" erklärt worden, die angeblich nicht richtig arbeiten. Diese Ausgrenzungsstrategie bemerkt man immer wieder auch gegenüber Linken, denen vorgehalten wird: "Geht doch erst mal richtig arbeiten". Dieses Modell ist immer mit dem historischen Vorläufer, welches massivst antisemitisch war, verknüpft. Hitler erklärte in Mein Kampf die Symbolik der Hakenkreuzfahne. Mit dieser würde auch die deutsche Arbeit symbolisiert, "die immer antisemitisch war und ewig antisemitisch sein wird." Eine solche direkte Verknüpfung von deutschem Arbeitswahn und Antisemitismus findet sich ebenso in Hitlers Rede zum 1. Mai 1933 und in anderen Dokumenten mehr. Die krassen Abgrenzungsmodelle, die die "Parasiten", welche die "ehrlichen Deutschen" "aussaugen", ausschließen, werden heute nur bei der extremen Rechten mit dem Hinweis auf den Nazismus gebraucht. Ausnahmen bestätigen hierbei die Regel und ab und zu werden diese sogar skandalisiert. Ich hatte ja schon den toten Franz-Josef Strauß erwähnt, der Linke als Ratten und Schmeißfliegen bezeichnete. Wenn so etwas vorkommt, ist dies manchmal einen Skandal wert. Insofern halten sich die Figuren zurück.
Daß dieser Glockenbauch, die symbolische Mitte, die Gemeinschaft der Demokraten, bzw. die der Konsumfähigen ausdrückt, ist klar und damit verwischt auch der Unterschied zwischen den politischen Parteien, die alle um das "Mittesein" konkurrieren. An welchen Stellen sind denn die Bundestagsparteien in zentralen Fragen noch unterscheidbar? Oder wie schafft man, ohne eine große Koalition einzugehen, eine 2/3-Mehrheit für die Abschaffung des Asylrechts? Weil alle in diese Mitte hineindrängen und weil jeder, der Position bezieht, Gefahr läuft, als Nestbeschmutzer behandelt und an den Rand gedrängt zu werden. Zum rechten Konsens gehört ja auch, daß sich Bürgermeister darüber empören, wenn Leute überhaupt sagen, daß in ihrem Ort, was Rechtes läuft.

Publikum (BgR): Ich wollte zu Anfang eine Bitte äußern. Ob Du vielleicht dazu beitragen kannst, die heilige Kuh der traditionellen Linken zu schlachten, nämlich die Position, daß "die Herrschenden" einfach alles "beherrschen". Ich denke, daß die Kategorie "die Herrschenden" in der Linken vor allem ökonomistisch geprägt ist, und die gesellschaftlich-nachhaltige Rolle, die heute Diskurse einnehmen nicht fassen kann.
Eine andere Sache, die mit der gestrigen Diskussion zusammenhängt, wollte ich richtigstellen. Es war von mir beispielsweise gesagt worden, daß die gesellschaftliche Relevanz der Nazis gleich Null ist. Dies meint nicht, daß ich die von Dir analysierte Wechselseitigkeit bestreiten würde. Meine Kritik geht dahin, daß die Antifa unfähig ist, genau diese Realitäten wahrzunehmen. Sie verharrt lieber in ihrem Dogmatismus und macht den Kampf gegen Nazis zu einer Ersatzhandlung. Gegenüber dem Staat hat sie tatsächlich kapituliert.
Eine andere Sache möchte ich auch noch aufwerfen. Ich höre einen gewissen Fatalismus heraus, wenn Du von der Wechselseitigkeit zwischen dem Mainstream und den Nazis sprichst. Ich denke hier läßt sich mit Andreas Dorau sagen, "daß ist Demokratie, langweilig wird sie nie." Ich würde gerne von Dir wissen, welche nachhaltige Änderung Du nach 1945 siehst, gerade mit Bezug auf die Äußerung von Daniel Goldhagen, der in der BRD eine grundsätzliche demokratische Wandlung verwirklicht sieht.

A. Schobert: Ja danke für die Vortragsvorgabe. Ich fasse mich dennoch kurz. Erstens zu den "Herrschenden." Ich habe ja eben darauf hingewiesen, daß es da um verschiedene ideologische Instanzen geht, nicht nur um Staatsapparate sondern auch andere ideologische Apparate. Normalismus als kulturelle Formation kann man sich vorstellen wie ein Archipel von Inseln in der Gesellschaft, es gibt da nicht die zentrale Instanz.
Zweitens, wenn ich von Subjektbildung gesprochen habe, hätte ich vielleicht auch noch darauf eingehen sollen, daß Subjekt und Subjektbildung auch eine doppelte Bedeutung haben. Dies meint ja nicht nur, man bildet sich zum autonomen Subjekt im Sinne idealistischer Philosophie heraus, sondern Subjektivierung meint auch Selbstunterwerfung. Subjektivierung ist genau der Doppelprozeß zur Herausbildung einer Person, die "ich" zu sich sagen kann und die sich bestimmten Normierungen unterwirft. Insofern geht es an vielen Stellen gar nicht um die Herrschaft, sondern um die Selbstunterwerfung der Leute unter die bestehenden Verhältnisse, die gar nicht mehr personal als die Herrschenden zu bezeichnen sind. Zur Wechselseitigkeit sage ich jetzt nichts mehr.
Mit Goldhagen hast Du einen Hammer vorgelegt. Also wenn Goldhagen vom "gesellschaftlichen Gespräch" redet, dies ist sein meistens in diesem Zusammenhang verwendeter Begriff - an einer Stelle der deutschen Übersetzung heißt es auch Diskurs -, dann faßt er tatsächlich damit nicht nur eine geistesgeschichtliche Sache, wie dies beispielsweise Jürgen Elsässer mißverstanden hat, sondern er meint damit auch das Reden und Denken der Leute, welches tatsächlich zu Handlungsdispositionen führt. Dann findet sich in seinem Modell für die lange Herleitung des Antisemitismus, der schließlich in der Vernichtung der europäischen Juden gipfelte, die Unterscheidung zwischen latenten und manifesten Antisemitismus. Er sagt zum Beispiel, daß Antisemitismus, auch wenn er über etliche Jahre hinweg in der Geschichte nicht wahrzunehmen war, dennoch weiter kulturell fortgesetzt und in späteren Zeiten wieder manifest wurde. Merkwürdigerweise wird dieses Modell von latent und manifest bei der Betrachtung der BRD nach 1945 nicht mehr benutzt. Zumindest als These könnte Goldhagen ja annehmen, daß der so virulente Antisemitismus der Deutschen nach 45 nicht einfach so ganz verschwunden ist, sondern latent geworden ist. Merkwürdigerweise beschreibt er auch, daß der Antisemitismus in den Nachfolgestaaten der Sowjetunion, nach dem Zusammenbruch derselben, aus dem Latenzstadium ins Manifeste übergegangen ist. Nur bei den Deutschen hat er [[pi]] * Daumen gepeilt, daß die sich im gesellschaftlichem Gespräch grundsätzlich gewandelt haben. Damit macht er seine eigene Konzeption kaputt. So wie er argumentiert, müßte man sagen, ja so nachhaltig sind die antisemitischen Prägungen gar nicht. Da ich diese Argumentation, aber bei Goldhagens impliziten Diskurstheorie für falsch halte, würde ich sagen, diese nachhaltige Prägung ist durchaus gegeben. Ich sage nicht, dieser Diskurs ist alles und habe auch keinen Bock, Gesellschaft in Sprache aufzulösen, darum geht es nicht. Die Materie geht nicht flöten, da braucht man sich keine Sorgen zu machen. Aber ich gehe von einer nachhaltigen Prägung, auch über etliche Jahre aus. Man muß sich nur die Generation der Leute angucken, die während der Nazizeit Kinder waren, was die teilweise an Denkweisen im Schädel haben, ohne das sie Nazis sind. Die können auch heute noch die Lieder vom Bund deutscher Mädchen und wissen über Rassenphysiognomie Bescheid. Das sind diskursive Prägungen. Die Frage ist, inwieweit werden solche Sachen umgesetzt, oder wie kann eine politische Kultur dafür sorgen, daß bestimmte Sachen wenigstens in der Latenz gehalten oder aber abgebaut werden. Auch das ist ein wichtiger Aspekt, daß sind keine Selbstläufer. Man kann auch über eine politische Kultur dafür sorgen, daß das, was an nachhaltiger Prägung in den Köpfen der Leute drin ist, dennoch unter der Oberfläche bleibt und nicht in die Tat umgesetzt wird. Darum muß sich bloß eine Gesellschaft auch mehrheitlich kümmern und sich das zur Aufgabe machen. Das ist aber mittlerweile völlig eingerissen.

Publikum: Zunächst möchte ich sage, daß dies ein klasse Vortrag war. Aber ich habe trotzdem zwei kritische Anmerkungen. Die eine betrifft, die von mir spürbare Tendenz, daß Arbeiter als generell antisemitisch und ausländerfeindlich betrachtet werden. Du brachtest ja das Hitler-Zitat und auch gestern wurde schon auf den Begriff der "deutschen Arbeit" oftmals hingewiesen. Das möchte ich schon genauer erklärt wissen, inwieweit deutsche Arbeit grundsätzlich antisemitisch sein soll. Und dann hast Du weiterhin gesagt, daß die Kritik am Intellektualismus, in dem Falle meinst Du sicherlich den linken Intellektualismus, ebenfalls antisemitisch geprägt gewesen sein soll. Aber auch in der autonomen Bewegung gab es grundsätzliche Kritik am Intellektualismus. Also kann es nicht sein, daß diese antisemitisch sein kann. (Unterbrochen von Lachen und von Zwischenrufen) ... Ja das ist so. Und dann wollte ich noch wissen, als grundsätzliche Frage, ist Arbeit, egal wie sie organisiert ist, eine Triebfeder für den Neonazismus? Außerdem wollte ich noch wissen, ob es auch in vormodernen Gesellschaften einen Normalismus gab?

A. Schobert: Nein. Heute ist Alltäglichkeit mit Normalismus identisch, damals gab es andere alltägliche Regulierungen. Es gab nicht diesen Bedarf an gesellschaftlichen Normalisierungen. Deshalb nicht, weil moderne Gesellschaften diese extreme Beschleunigung haben, diese extreme Dynamik in allen Bereichen, in der Warenproduktion und auch in allen kulturellen Phänomenen und die schaffen erst den Normalisierungsbedarf. Normalismus ist als Antwort auf die exponentielle Dynamik des modernen Kapitalismus entstanden. Das was wir alltagssprachlich als Normalität bezeichnen - Alltäglichkeit - gab es natürlich. Aber es gab keinen normalistischen Alltag, es gab keinen Normalismus. Damalige Gesellschaften hatten höchstwahrscheinlich auch keinen Normalitätsbegriff.
Nun zu den anderen Fragen, die etwas schwerer zu beantworten sind. Ich glaube ein Problem ist, daß Du bei deiner Formulierung unmerklich von der "deutschen Arbeit" zum dem "deutschen Arbeiter" geglitten bist. Es geht aber darum, zu sagen, daß eine ganz bestimmte Vorstellung von Arbeit, gewisse Elemente aus dem völkischen Nationalismus und Nazismus mit sich schleppt, sich damit aufgeladen hat. Ich mache keine Wesensaussagen, ich bin ein fürchterlicher Anti-Essentialist. Aber es gibt auch aktuell eine Neuaufladung des deutschen Arbeitsbegriffs mit diesen Komponenten. Für den Nazismus läßt es sich natürlich ganz einfach zeigen, wie da die Arbeit antisemitisch konotiert ist. Da braucht man sich nur einige Volkskundler oder ein wenig Nationalliteratur anzuschauen. Arbeit und das deutsche Arbeitswesen in Abgrenzung zu den Juden taucht da schon auf. Für diesen Zeitraum hat das Goldhagen in einem Kapitel auch bereits kurz analysiert. Ich glaube, daß trotzdem noch eine Menge an Forschungsarbeit bei diesem historischen Thema notwendig ist. Es müßte aber auch mit dem Teufel zugehen, wenn ausgerechnet bei der deutschen Arbeit nach 1945 die antisemitische Konnotation verschwunden sein soll. Es gibt diese Vorstellungen. Das heißt nicht, daß die antisemitische Wesensvorstellung der Arbeit automatisch jeden Arbeiter zu einem Antisemiten macht. Nach diesem Schema könnte ich jetzt auch auf die Intellektuellenkritik antworten. Da geht es ebenfalls darum, wie diese massiv antisemitisch konotiert ist. Nur weil die von Linken kommt, heißt das noch lange nicht, daß sie nicht antisemitisch sein kann. Da reicht schon ein Blick auf diverse Debatten der historischen Arbeiterbewegung, ob in Deutschland aber auch anderswo, bei denen genauso mit antisemitischen Klischees, besonders auch in innerparteilichen Auseinandersetzungen mit Parteiangehörigen, argumentiert worden ist. Es geht darum, daß diese Färbung existiert und wie sie jeweils aktualisiert wird. Mir fällt gerade die Darstellung von Gysi im Spiegel ein. Gysi als Anwalt, das ist ein Intellektueller, das ist im Spiegel ganz schnell der jüdische Anwalt, den man traditionell und auch im Spiegel als "Winkeladvokat" bezeichnet. Wenn wir solche Muster in etablierten Medien leicht erkennen, dann begreife ich nicht, wie wir uns so blind machen können, wenn in den eigenen Reihen dieselben auftauchen. Das heißt nicht, daß damit ein Tabu errichtet würde, welches Intellektuelle aus der Kritik ausschließt, wenn sie etwa in politischen Organisationen Führungspositionen anmelden, die in keiner Weise legitim sind, oder wenn sie sich völlig von praktischen Debatten abmelden, und einfach nur ein sektiererisches Dasein führen. Man muß aber darauf achten, auch wenn berechtigte Kritik formuliert wird, wie dies geschieht. Man sollte auf die Artikulation achten, auf die Form. Eine gewisse Sensibilität für sprachliche und mediale Darstellung von Kritik wäre für viele Linke auf jeden Fall noch einzufordern.
Noch was zu diesen Arbeitsbegriffen. Es muß da zwischen unterschieden werden. Auch der marxistische Arbeitsbegriff ist kein einheitliches Ding. Selbst bei Marx nicht, da kommt es schon auf die unterschiedlichen Werkphasen an. Es gibt in den frühen Schriften die anthropologische Arbeitsbestimmung als generellen Stoffwechsel mit der Natur. Da kann man sich schon fragen, wie soll es denn ohne so etwas gehen. Bei so einem Arbeitsbegriff kann man gar nicht gegen Arbeit sein. Aber bei der Zugrundelegung des entfalteten Arbeitsbegriffs aus den Spätwerken bemerkt man ein ganz anderes Verständnis von Arbeit. Und demgegenüber ist die "deutsche Arbeit", die "Dienst an der Gemeinschaft" sei - Hitler, 1933 - wieder ein grundsätzlich anderes Verständnis. Und bloß weil ich ab und zu arbeite, hänge ich nicht in dem hitlerschen Verständnis mit drin. Es wäre auch fatal, wenn dies so wäre, denn dann wäre die Menschheit mehr oder weniger zum Hitlerismus verdammt.

Publikum: Eine Frage noch zu der Aussage, es gäbe keinen Normalismus in nicht- oder vorkapitalistischen Gesellschaften. Könntest Du dies noch etwas konkreter erläutern?

A. Schobert: Diese Frage läßt sich kurz beantworten, weil sie auf einem Mißverständnis beruht. Es gibt keinen Normalismus in vormodernen oder nicht-modernen Gesellschaften. Ich habe auch eingangs gesagt, es gibt eine Kopplung zwischen Kapitalismus und Normalismus. Aber es gab genauso eine Kopplung von Normalismus und den RGW-Gesellschaften. Und vormoderne Gesellschaften produzieren keinen Normalismus, weil sie nicht in der Lage dazu sind. Sie bedürften grundlegender Elemente wie beispielsweise einer ausgeprägten Statistik, Mathematisierung, usw. Diese Elemente hat es in der DDR und der Sowjetunion gegeben. Normalismus ist nicht mit Kapitalismus identisch.

Publikum: Ich fand es offensichtlich, daß Deine Position geschwankt hat. Auf der einen Seite beziehst Du Dich auf Jürgen Link und seine Position gegen Normalismusdiskurse insgesamt, wo also Protonormalismus genauso kritisiert wird wie der flexible Normalismus. Auf der anderen Seite sehen wahrscheinlich viele genauso wie Du die Gefahr, daß diese Gesellschaft zum Protonormalismus zurückkehrt. Woraus sich die Frage stellt, argumentierst Du generell gegen den Normalismus oder für einen flexiblen Normalismus als derzeit kleineres Übel?

Publikum: Ich würde mich gerne mit meiner Frage anschließen. Und zwar hatten wir gestern das Beispiel mit der Schuhmarke, die Che Guevara heißt und heutzutage ganz normal verkauft wird. Ist das jetzt ein Erfolg des flexiblen Normalismus für die Linke, denn jetzt heißen die Schuhe schon wie die linken Idole und wir brauchen eigentlich vor den Rechten gar keine Angst mehr zu haben, denn die Gesellschaft entwickelt sich ja eigentlich ganz liberal zu unseren Gunsten?

A. Schobert: Ich versuche mich kurz zu fassen und das mit den Schuhen und der Kulturindustrie lasse ich aus Zeitgründen einfach mal aus. Ich glaube die Selbstdefinition von linksradikal geht nicht über eine Position zum Normalismus. Ich bin da jedenfalls ganz traditionell und glaube, daß das eher etwas mit dem Verhältnis zum Kapitalismus zu tun hat. Daß es diese Kopplung gibt, habe ich mehrfach gesagt, daß sie nicht identisch sind ebenso. Schwieriges Problem wäre eine nach- und nicht-mehr-kapitalistische Gesellschaft nach unseren Vorstellungen. Welche Elemente von Normalität, von Planung, Statistik etc. müßte sie eigentlich übernehmen, gäbe es da ein Jenseits des flexiblen Normalismus oder wäre dieser das Nonplusultra. Dies ist eine Frage von utopischer Ausmalung, ich habe mir dazu noch nicht allzu viele Gedanken gemacht. Dies halte ich momentan, angesichts der Stärke der Linken auf dem Globus auch nicht für die dringende Frage. Es ist natürlich ein finsteres Ding, wenn man sich klarmachen muß, daß man, was die kulturelle Ebene von Ausgrenzung, Rassismus, Antisemitismus betrifft, schon systemimmanent extrem viele Aufgaben vor sich hat, weil viele andere, die schon nicht mehr übernehmen. Insofern halte ich tatsächlich für die Linke eine Verteidigung des flexiblen Normalismus, wo es ihn noch gibt, für ganz wichtig. Ich fände es auch ganz wichtig, den in anderen Bereichen wieder einzuführen. Ich würde nur dazu sagen, daß man sich davon nichts Revolutionäres versprechen kann.
Ich halte das angesichts der Defensive, in der wir uns befinden und angesichts der Zustände, die wir haben, und angesichts der Opfer des Rassismus, die es in dieser Gesellschaft gibt, für eine dringende Aufgabe, so unbefriedigend das ist. Wie es "danach" mit dem flexiblen Normalismus aussieht, weiß ich nicht und ich finde, das ist auch nicht die wesentliche Frage. Diese lautet dann immer noch, wie hält man es mit dem Kapitalismus. Ich fange demzufolge jetzt nicht an, "linksradikal" über Normalismus zu definieren. Daß über einen flexiblen Normalismus unwahrscheinlich viel aufgesaugt werden kann, daß es da auch Rückschritte gibt, ist völlig klar. Meistens entstehen die Enttäuschungen jedoch schon deshalb, weil man sich vorher zuviel von der eigenen Subversivität versprochen hat. All die großen Aufbrüche der musikalischen Subkultur; jetzt hat man einen Indiemarkt der auch nach Marktgesetzen funktioniert, der auch Waren und Einzigartigkeit in Serie produziert. Man wird immer wieder eingefangen, daß ist frustrierend, aber ich werde hier nicht zum linken Bußprediger. Entschuldigung.

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