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left action - linksradikale Gruppen in  Leipzig - Archiv
 

22.09.2002

Arbeit - Zwang - deutscher Wahn

Flugblatt, verteilt auf der Demonstration "Gegen Arbeitswahn und Kapitalismus" in Leipzig

Grundsätzlich begrüßen wir die Initiative des Bündnis gegen Rechts Leipzig (BgR), mit der Demonstration unter dem Motto „Gegen Arbeitswahn und Kapitalismus – keinen Finger krumm für diese Gesellschaft“ dem besonderen deutschen Wahn des Arbeitsfetischismus – von Links über die Mitte bis Rechtsaußen – ein pauschales Fickt Euch! entgegenzusetzen.
Erst jüngst belebte die widerwärtige freiwillige Kollektivierung der Deutschen anläßlich des Hochwassers den Volksgemeinschaftsgeist der nationalsozialistischen „Kraft durch Freude“- Bewegung und des „Reichsarbeitsdienstes“. „Wie in alten Zeiten“ atmete man vom dümmsten Nazi bis zum bauernschlausten Linken begeistert den kollektiven Geist des deutschen Volkskörpers. Nur allzu deutlich wurde, wie wenig sich in Deutschland seit ’33 geändert hat. Und es zeigte sich, wie sehr vom deutschen Volk die Sehnsucht nach harmonischer Schicksalsgemeinschaft gegen Volksschädlinge aller Art so verinnerlicht wurde, daß die Angst vor dem deutschen Kollektiv nach wie vor seine vollste Berechtigung hat: In der Krise zeigen die Deutschen endgültig offen ihre häßliche Fratze, die immer noch dieselbe ist, wie zwischen ’33 und ’45. Denn in der Krise wird das Individuum mit deutschen Füßen getreten und der kollektive Volkskörper formiert sich immer noch hart wie Krupp-Stahl, zäh wie Leder, flink wie ein Windhund und effektiv wie Sandsäcke zum Stopp des Hochwassers. Die kollektive Erfahrung der heraufziehenden Flut-Katastrophe wurde von den Deutschen regelrecht zelebriert: die Schicksalskatastrophe wurde zum Genuß, nach dem sich die Deutschen von jeher sehnen – zur opferbereiten Todessehnsucht.

Die Marx’sche Kritik der Politischen Ökonomie muß zwingend die Grundlage jeglicher Gesellschaftskritik sein. Nur so läßt sich eine spezielle Kritik an den deutschen Zuständen üben. Jedoch ist beides nur als dialektische Einheit zu haben, also als Einheit in der Verschiedenheit: das Allgemeine ist nichts ohne das Besondere und andersherum verhält es sich ebenso. Somit ist unsere Kritik des spezifisch deutschen Arbeitswahns vor dem Hintergrund der Marx’schen Kritik zu verstehen.
Die deutschen Staatsbürger-Subjekte, dem objektiven Zwang zur Arbeit sich affirmativ hingebend, empfinden ihren Arbeitszwang nicht als einen Solchen, sondern erheben ihn zum deutschen Lustprinzip. Ob es ihnen darum geht, Arbeiten als ein Mittel zum Zweck zu verstehen, als die Bedingung, um ein „gutes Leben“ führen zu können, oder als reinen Selbstzweck, Arbeit selbst als ein Bedürfnis und zudem noch als identitätsstiftend zu empfinden, daran scheiden sich die deutschen Geister nicht. Ist es doch schon in „Fleisch und Blut“ übergegangen, daß der Staat die Voraussetzungen für eine „Vollbeschäftigung“ herzustellen hat, da ein ganz persönliches Glück ohne Arbeit nicht mehr denkbar ist. Und so gilt ein Staat, welcher nicht Arbeit für alle bieten kann – dem Volke nicht dienlich ist – gar als volksschädlich.
Es ist dieser spezifisch deutsche Appell an einen ideellen Gesamtkapitalisten, der deutlicher nicht zum Vorschein bringen könnte, wie stark die Kollektiv-Subjekte die Zwangshandlung der Arbeit verinnerlicht haben. Da kann es nicht mehr verwundern, daß eine Übervorteilung des jeweils anderen tunlichst zu unterlassen ist, schließlich sollen alle gleichberechtigt und mit Kampfeswillen ausgestattet dem Volkswohlstand zu Diensten sein. Anstatt den Kampfeswillen für einen möglichst hohen eigenen Lohn einzusetzen, wird für das Kollektiv ein möglichst gerechter Lohn eingefordert.
An die Spitze dieses opferbereiten Mobs stellen sich in Deutschland allzu gern die Gewerkschaften; nicht nur daß sie bereits an den Entscheidungsfindungen im Unternehmen beteiligt wären, geben sie sich stets, der Gemeinschaft freundlich gesinnt, der anstrengenden Vermittlung zwischen Arbeitgeber und Arbeitnehmer hin. Die Zugehörigkeit zum nationalen Kollektiv erlangt materielle Gewalt in der Angst vor dem Ausschluss. In vorauseilendem Gehorsam wird die Bereitschaft zum Mitmachen bekundet, bevor überhaupt auch nur irgendein Befehl ergangen wäre. Die individuelle Nutzlosigkeit, sich in die Reservearmee der Arbeitslosen eingereiht zu haben – den Versuch die bürgerliche Identität zu verteidigen, längst hinter sich gelassen – ist es, was zum handfesten Antisemitismus, zur Tat gegen die als Übermächtig Halluzinierten stets die sich als deutsch begreifenden drängt.
Die Opferbereitschaft formiert den kollektiven Opfermythos und der Opfermythos erzeugt die Opferbereitschaft – beides bedingt einander und tritt stets aufs neue aus dem anderen hervor. Von diesem Kreislauf zehrt die deutsche Gemeinschaft. Der halluzinierte Opferstatus setzt die Projektion voraus: ein äußerer Feind, sei es als wirklich äußerer oder als Fremdkörper, wird zwingend benötigt. Genau hier zeigt sich die Virulenz des antisemitischen Tickets. Der Wahn erzeugt sich die Verräter, die er benötigt, um sich zu erhalten. Die Aufopferung für das deutsche Kollektiv rückversichert (vergegenständlicht) sich in der Zuschreibung des eigenen Tuns als „ehrliche“ Arbeit. Damit wird anderes individuelles Tun, das sich dem nicht ein- und unterordnet, zu einem asozialen „unehrlichen“. Die Rede vom US-amerikanischen „Raubtierkapitalismus“, der dem deutschen als einem vermeintlich gebändigten „Rheinischen Kapitalismus“ völlig wesensfremd sei, verleiht diesem deutschen Kollektivwahn Ausdruck.
Man muß verstehen, daß der deutsche Arbeitswahn ein deutsches Spezifikum ist, das in seiner Feindschaft gegen die individuelle Bereicherung durch und an Arbeit die ideologische Grundlage des Nationalozialismus darstellt, mit der man in Deutschland nach 1945 nicht etwa gebrochen, sondern dessen Grundlage noch verfeinert hat. Die Rolle des deutschen Staates als Krisenbewältigungsinstitution bedingt den Gehorsam seiner Bürger, ihre bedingungslose Ein- und Unterordnung in bzw. unter die Gemeinschaft. Insofern ist der verinnerlichte Arbeitszwang des deutschen Staatsbürgers die Quelle jeglichen Ressentiments gegen diejenigen, die sich dem widersetzen. Ob nun PDS, NPD, CDU, FDP, Grüne, SPD oder sonstwer – in einem sind sich alle einig: wer der Gemeinschaft schaden will, soll den Volkszorn zu spüren bekommen. Daß die Form des Zorns und der Ablehnung von Partei zu Partei, von Bevölkerungsgruppe zu Bevölkerungsgruppe durchaus variieren kann, darf nicht darüber hinwegtäuschen, daß sich ihr Ressentiment und Hass gegen Arbeitsscheue, die sich der kapitalistischen Verwertungslogik zu entziehen versuchen, bis aufs Haar gleicht.
Daß sich in Deutschland alle darüber einig sind, daß es das Schlimmste für einen Deutschen sei, wenn er keine Arbeit hätte, ist ein Wahn, der im Nationalsozialismus in der systematischen Vernichtung der europäischen Juden gipfelte. Denn den Juden schrieb man die „natürliche“ Eigenschaft der Raffgier, der Unehrlichkeit und Arbeitsscheue zu.
Man darf niemals vergessen, daß der deutsche Arbeitswahn sich nur negativ ausprägen kann. Negativ heißt, er konstituiert sich nur über diejenigen, die für arbeitsscheu und arbeitsunwillig gehalten werden. Damit wohnt diesem Wahn objektiv immer die Möglichkeit des Vernichtungswillens inne, um sich der eigenen gemeinschaftlichen Rechtschaffenheit versichern zu können.
Der deutsche Arbeitswahn ist Ausdruck davon, daß die Deutschen nur Falsches aus Auschwitz gelernt haben. Denn der verinnerlichte Zwang zur Arbeit steht immer an der Grenze zum Ausfall der Zweck-Mittel-Rationalität der Verwertungslogik des Kapitals. Das heißt, die deutsche Gesellschaft und der für sie konstitutive Arbeitswahn bewegen sich permanent in der Grauzone zwischen eigenem Arbeitszwang und Zwangsarbeit für „Volksschädlinge“ jeder Art. Es ist eine dünne zivilisatorische Schicht kapitalistischer „Normalität“, die den Arbeitswahn in Deutschland im Zaume hält.
Wenn man den deutschen Arbeitswahn und mit ihm den Hass auf Genuß, Luxus und Glück ohne Arbeit zerschlagen will, dann bedeutet das den Angriff auf die deutsche Volksgemeinschaft, die die Grundlage für Auschwitz ist. Kritik am Arbeitswahn muß demzufolge unbedingt von der Spezifik deutscher Vergesellschaftung ausgehen und sich nicht nur in einer allgemeinen Metakritik des kapitalistischen Arbeitsfetischs verlieren. Insofern gilt es, sich weder vom Allgemeinen noch vom Besonderen dumm machen zu lassen, sondern beides zusammen zu denken.
Arbeitswahn denken, heißt Auschwitz denken!
In diesem Sinne:

Gegen Deutschland! Für den Kommunismus!

Antideutsch-Kommunistische Gruppe Leipzig

 

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