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left action - linksradikale Gruppen in  Leipzig - Archiv
 

16.02.2002

Gesten aus Begriffen

Von der Verzweiflung der Antideutschen und der Hassliebe zur deutschen Linken

Wo die Darstellung der Formbestimmungen diese aus ihrer widersprüchlichen
Beziehung zum Gebrauchswert löst, wird sie ideologisch und falsch. Umgekehrt
allerdings gilt das gleiche, und dies ist der naiven Propagierung von
Sinnlichkeit, Bedürfnissen und Spontaneität entgegenzuhalten.
Wolfgang Pohrt, Theorie d. Gebrauchswerts, 1976, S. 28

Hinter die Menschenrechte darf weder zurückgefallen noch ihre Kritik als
Metakritik ausgenommen werden; vielmehr ist momentan die Spannung zwischen
diesen gegensätzlichen Anforderungen auszuhalten.
Roswitha Scholz - Krisis-Gruppe,
Identitätslogik und Kapitalismuskritik; in: Streifzüge 3/2001, S. 28

Hat man (…) einmal sich terrorisieren lassen vom Verbot, mehr zu meinen als an
Ort und Stelle gemeint war, so willfahrt man der falschen Intention, wie sie
Menschen und Dinge von sich selber hegen.
Theodor W. Adorno, Der Essay als Form; in:
Noten zur Literatur, Frankfurt/Main 1981, 10

Der antideutsche Lack ist endgültig ab. Abgeplatzt ist er bei der Kollision der
deutschen Linken mit der bitteren Realität, die in den Anschlägen vom 11.
September ihren Ausdruck fand. Und so hat auch das analytische Angestellten-
Niveau eines Jürgen Elsässer wieder einen altbewährten Namen. Es nennt sich
Thomas-Rainer Trampermann. Spätestens seit dem 11. September verkommt der
Lohnarbeiter Elsässer immer mehr zum Tierfreund eines »vielleicht doch nicht so
toten Hundes« namens Arbeiterbewegung, wie er völlig verzückt auf dem konkret-
Kongress ende Januar zu verkünden wußte. Das auf den Hund kommende
Rückkonvertieren scheint jene Form Regression zu sein, die ziemlich direkt etwas
mit Wiederholungszwang und Wiederkehr des Verdrängten zu tun haben muß.. Nun,
wenn er unbedingt den Klassen-Kasper spielen möchte, so soll er das bitteschön
tun. Einem gänzlich geruchlosen, nicht einmal mal mehr stinkendem Leichnam zu
frönen, ist ohnehin nur noch eine nekrophile Neigung und längst keine
kommunistische Tat mehr. Die Offenbarung eines offensichtlichen Pseudo-Propheten
aber ist es allemal – Beleg für die Unfähigkeit des Trauerns über die eigene
Biografie. Das Bewerbungsschreiben für eine zukünftige Funktionärstätigkeit als
avantgardistischer Volksdiener hat er in der Februar-konkret ausreichend
formuliert: »Mit ðpursuit of hapinessÐ ist (…) gerade nicht der ðTraum von
individueller Freiheit und schönem Leben für alleÐ (…) gemeint, sondern das
individuelle Streben nach dem eigenen Vorteil ohne Rücksicht auf die Interessen
anderer.« Ach was, wer hätte das wohl gedacht, läßt sich darauf nur antworten.
Daß die Idee des Kommunismus vielleicht ja doch etwas mit dem individuellen
Streben nach dem eigenen Vorteil zu tun haben könnte, leugnet nur, wer Klasse
gegen Masse setzt und doch nur Masse meint: »Eine emanzipierte Gesellschaft (…)
wäre kein Einheitsstaat, sondern Verwirklichung des Allgemeinen in der
Versöhnung der Differenzen. Politik, der es darum im Ernst noch ginge, sollte
deswegen die abstrakte Gleichheit der Menschen nicht einmal als Idee
propagieren. Sie sollte (…) auf die schlechte Gleichheit heute (…) den besseren
Zustand aber denken als den, in dem man ohne Angst verschieden sein kann.«1

Feindbild Antiimperialismus

Der erbärmliche Materialismus der alt-bolschewistischen Triade in nicht-
bolschewistischen Zeiten namens Elsässer, Trampert und Ebermann ist die stumpfe
Speerspitze eines neuen alten antiimperialistischen Kampfes gegen den american
dream: Bekämpft wird allein der Millionär und nicht etwa der Grund für das
strebsame Bedürfnis des Tellerwäschers, auch einer zu werden. »Keinen Mann,
keine Frau, keinen Groschen, keinen Cent diesem Militär, diesem Staat, diesem
System.« Was Elsässer in besagtem Februar-Heft ernsthaft als das »kleine ABC
jeder oppositionellen Bewegung« anpreist, ist ungefähr vom Schlage eines Ronald
Schill, nur unter anderen Vorzeichen: wo der eine die konsequente Bekämpfung von
Kriminalität herbeiredet, schwadroniert der andere selbstherrlich über die
Authentizität des nicht-kriminellen Saubermann-Revoluzzers.
Der Neubau des antiimperialistischen Wahngebäudes verdeutlicht, wie fest das
Fundament steht, dessen Geist die Welt zum Gefängnis angeketteter und
geknechtete Völker erklärt und zum eigenen antirassistischen Streichelzoo
umfunktioniert; dessen Zuchtwahl des antiimperialistischen Menschentyps auf die
archetypische Scholle der Eigentlichkeit fällt.
Gefragt sind jetzt antideutsche Strategien gegen antiimperialistische
Architektur, die einstürzende Neubauten zum Resultat haben müssen, um jede
klammheimliche Freude über mögliche nächste Anschläge ein für alle mal zu
verderben. Der Antiimperialismus, mitsamt seines vielleicht etwas verzogenen
Kindes Antirassismus, nazifiziert das nur billige Ressentiment gegen die
unerträgliche Gleichheit aller Menschen unter Kapital-Herrschaft mittels
Projektion einer ehemals heilen Ursprungs-Welt, die – verwüstet von Durban bis
Porto Alegre – nur entwurzelte Menschen kennen will, die mit ihrem Hass auf
Israel und ihrer Freude über die palästinensische Volksgemeinschaft nicht
hinterm Tempelberg halten.

Antideutsche Objektbindung

Die Wahrheit über die antiimperialistischen Propagandisten verrät aber auch die
Wahrheit über den allgemeinen Zustand von Gesellschaftskritik. Sich von diesem
Zustand auszunehmen, steht antideutscher Kritik nicht gut zu Gesicht. Warum nur
sollte der Zustand unserer Kritik besser sein als der allgemein erbärmliche der
Verhältnisse, aus denen sie hevorgegangen ist? Weil aber Verhältnisse nur die
Kritik hervorbringen, die sie benötigen, aber die Kritik bekommen sollten, die
sie verdienen, muß erstere sich – so schmerzhaft es ist – radikal denunzieren:
nach Produktion im Kritiker betrat sie den Markt als Ware, hatte, als ihr noch
Einfluß gegönnt war – sie Absatz fand -, Gebrauchswert. Im Zeitalter totaler
Vergesellschaftung verliert sie selbst jenen. Sie ist mittlerweile nichts weiter
als konsumierte Reklame.2
Adornos Prognose von 1941 lautete: »Unsere Sachen werden immer mehr (…) Gesten
aus Begriffen werden müssen und immer weniger Theorie herkömmlichen Sinnes.«3
Unter diesem Gesichtspunkt lassen sich auch die Bahamas-Erklärungen zu und nach
den Anschlägen vom 11. September lesen: Sie sind mehr Gebärde als Gedanke, das
verdeutlicht sich in einer Metapher Adornos – sie ist quasi wie für die Bahamas
gemacht -, »etwa wie wenn man, verlassen auf einer Insel, verzweifelt einem
davonfahrenden Schiff mit einem Tuch nachwinkt, wenn es schon zu weit weg ist
zum Rufen.«4
Momentan scheint, es bleibt nichts mehr als vor Wut über das naturgemäße
Fortschreiten des Unheils die Haare zu raufen.
Identitätskritisch liegt auf der Hand, daß es eine Loslösung von der deutschen
Linken, deren antideutscher Flügel man ist, allein schon aufgrund der eigenen
individuellen (meist) tiefdeutschen häßlichen Biografien, familiärer
Zugehörigkeit und dem Besitz des deutschen Paßes nicht geben kann. »Der Punkt
ist, daß Ihr Deutsche seid«, stellte Postone an die deutsche Linke gerichtet
klar. Und das heißt, daß wir Antideutschen in aller Regel Teil des deutschen
bzw. österreichischen Kollektivs sind, und von dieser Position aus nur Kritik
üben können. Solange es Deutschland und Österreich gibt, stellt sich für uns das
Verhältnis so dar, wie es Postone benannte: »Eine endgültige Versöhnung mit
dieser Vergangenheit oder aber der konstante, das heißt in fortwährender
Auseinandersetzung zu vollziehendeBruch mit ihr«. Das heißt aber eben, daß eine
konstante Auseinandersetzung gerade kein endgültiger Bruch, sondern ein
dynamischer Prozess ist, der erst dann sein Ende finden kann, wenn Deutschland
und Österreich von der Landkarte verschwunden, und die deutsche Ideologie – egal
wo und in welcher Spielart - nicht mehr greifen kann.
Ein gutes Beispiel der eigenen Verfangenheit in dieser Dynamik liefert schon der
Einladungstext für das Diskussionstreffen am 16. Februar. Wenn es erst heißt,
daß man, wenn man sich weiterhin als »Fraktion der deutschen Linken« begriffe,
»noch in der Kritik (den) Verrat an der Emanzipation« legitimieren würde, und
nur einige Zeilen später aber folgendes feststellt: »Eine radikale antideutsche
Linke, die ihren Namen verdient, muß (…) vorbehaltlos denunzieren, will sie ihr
nicht selbst anheimfallen.«
Marx schreibt im Kapital: »In gewisser Art geht’s dem Menschen wie der Ware. Da
er weder mit einem Spiegel auf die Welt kommt, noch als Fichtescher Philosoph:
Ich bin ich, bespiegelt sich der Mensch zuerst in einem andren Menschen. Erst
durch die Beziehung auf den Menschen Paul als seinesgleichen, bezieht sich der
Mensch Peter auf sich selbst als Mensch. Damit gilt ihm aber auch der Paul mit
Haut und Haaren, in seiner paulinischen Leiblichkeit, als Erscheinungsform der
Gattung Mensch.«5 Der antideutsche Peter bemüht nicht nur die Negation des
Deutschtums, sondern die dialektische Beziehung von Deutsch- und Antideutschtum
(Enderwitz), also die mit dem deutschen Paul – sei er nun links oder nicht - die
sich aus der nun mal objektiven Kollektivzugehörigkeit ergibt, aus der sich
nicht wie aus einem Regionalexpress der Deutschen Bahn eben mal aussteigen läßt.
Dafür sorgt das Hegelsche Ärgernis des Ichs als Identität von Identität und
Nichtidentität.
Der Benjaminsche destruktive Charakter ist das Markenzeichen einer
konstituierten linksdeutschen antideutschen Nestbeschmutzung. Das Mittel dieser
gewollten Sauerei ist die Beschimpfung eines Publikums – und zwar eines
vornehmlich linken. Diese Objektbindung erfolgt in der spezifischen Beziehung,
daß, wie Walter Benjamin es formulierte, man »gar nicht interesssiert (ist),
verstanden zu werden.«6
Wenn man also wie im Einladungstext für das Treffen am 16. Februar schreibt, daß
»Voraussetzung für Kritik (…) heute (…) nicht mehr vorgebliche Gemeinsamkeit,
sondern konsequenter Boykott des linken Pluralismus« sei, dann ist das nichts
neues, sondern von je her konstitutives Element antideutscher Identität.. Doch
Boykott heißt für uns nicht links liegen lassen, sondern eben das permanente
Attackieren linken und halblinken Wahns als jenes antideutsche Kritik-Geschäft,
welches so konsequent wie möglich und so destruktiv wie nötig zu machen ist.
Nach dem 11. September ist daran keine grundlegende Korrektur vorzunehmen,
sondern die möglicherweise inkonsequente Umsetzung in den letzten Jahren zu
rekapitulieren. Allerdings sollte das linke Gebaren weniger erschrecken, als es
zumindest den antideutschen Anschein macht. Denn daß die Linken so
antiimperialistisch-antirassistisch durchknallen wie sie es tun, ist doch eher
die Bestätigung für die Richtigkeit jahrelanger Kritik und nicht etwa ihre
Widerlegung.
Bei aller Grauzonen-Realität gilt, daß der Hauptfeind außerhalb der Linken
steht. Diese Bestimmung vorzunehmen, schließt mit ein, daß die Grenzen dabei als
grundsätzlich fließend anzuerkennen sind und gerade bei den Linken wirklich
keine Grenze für immer ist. Es stellt einen mittelschweren Irrtum da, wenn
angenommen wird, man hätte mit dem Label antideutsch die Linke überwunden.
Abgrenzung ist keine Überwindung und Überwindung nicht nur Abgrenzung.. Der Bruch
mit der deutschen Linken kann nicht total sein, weil die Wirklichkeit diesen gar
nicht möglich machen kann. Soviel Selbstreflexion muß schon deshalb sein, um
nicht unbewußt in die Falle eines linksdeutschen Rollenspiels zu tappen, indem
dann zu allem Überfluß von antideutscher Seite auch noch die ekelerregende
linkspluralistische Zuschreibung eines Shoa-Spezialistentums affirmiert wird.
Insofern warnen wir davor, aus dem prozessierenden Bruch mit linksdeutschen
Inhalten und Identitäten, den Postone ja eben anmahnt, Sandkastenspiele um pure
Distinktionsscheiße zu machen: Wer Distinktionsgewinne zur Selbstversicherung
einzufahren gedenkt, ist im tiefen Sumpf des Formalismus versackt, der als
Gefahr neuer Unübersichtlichkeit hinter jeder Lichtung kritischen Geistes lauern
kann. Dennoch aber läßt sich auf Abgrenzungsgebaren kaum verzichten, weil es
eine permanente Notwendigkeit darstellt. Es birgt aber eben die Gefahr in sich,
daß es zur Selbstherrlichkeit verkommt. Darum ist Kritik unter diesem Aspekt
auszutarieren, will sie nicht letztlich Gefahr laufen zu verpuffen.
Zu bedenken ist außerdem folgendes: Sich außerhalb der deutschen Linken zu
stellen, wäre der größte Gefallen, den man ihr tun könnte. Wenn man sich ähnlich
wie ‘68 zwischen Krahl und Adorno entlang einer obskuren Organisationslinie
entscheiden müßte, dann sollte die Entscheidung weiterhin aufgeschoben werden.
Dialektisch formuliert, ist das so zu verstehen: Wenn Links da sein soll, wo
keine Heimat ist, dann ist dort, wo keine ist, jene linke Heimat. Und dieses
Anti-Heimatprogramm, das also in Wirklichkeit gar kein so konsequentes sein
kann, funktioniert wiederum nur gegen die Linke, wenn man mit ihr bleibt.

Antideutsche Reflexe

Machen wir uns nichts vor. Die antideutsche Selbstsicherheit, die zum Beispiel
die Bahamas-Erklärungen vorgaukelten, existiert in Wirklichkeit gar nicht. Und
daß das auch gut so ist, macht tatsächlich einen Unterschied ums Ganze. Die nur
menschlich allzumenschliche Verzweiflung nach den Anschlägen vom 11. September
drückt die innere Zerissenheit einer Leidenschaft aus, der schier der Kopf zu
platzen droht. Daß man in solch einem Moment nicht in die eklige Mottenkiste des
Antiimperialismus zurückgefallen ist, die der ganze linke Rest und deren
deutsche Friedensfreunde wohl für den Behälter eines welterklärenden
Zaubertranks hält, macht einen zwar leider nicht zum Sieger der Geschichte, wohl
aber zum Retter des emanzipatorischen Gedankens im Sinne kritischer
Gesellschaftstheorie.
Verzweiflung ist eine Eigenart menschlichen Leidens, die so gut wie allen Linken
verloren gegangen zu sein scheint, wie die Reaktionen nach dem 11. September
belegen. Nicht zuletzt mag das auch daran liegen, daß die Auseinandersetzung mit
dem Antisemitismus keine Herzensangelegenheit kritischen Bewußtseins ist,
sondern vielmehr dem linken Zeitgeist geschuldet zu sein scheint, der auch noch
das unfaßbarste Ereignis, nämlich Auschwitz, perfiderweise zu rationalisieren im
Stande ist, in dem frei von der Leber weg gerade das Irrationale der Vernichtung
so betont wird, als handelte es sich dabei nur um eine bloße Sonderform von
bürgerlicher Rationalität.
Wer grundsätzlich militärische Reaktionen der USA nach den Anschlägen vom 11.
September ablehnt, steht definitiv auf einer anderen denn emanzipatorischen
Seite, denn die menschenverachtende Ideologie des Antiimperialismus erzeugt
sukzessive eiskaltes Pack. Daß man aber zugleich weder für noch gegen die
Reaktionen seitens der USA sein kann, ist eine durchaus diskutable Position und
nicht etwa bloß blankes Rumlamentieren. Weil aber eine solche Gleichzeitigkeit
von Ungleichzeitigem unmöglich ist, gilt es zu betonen, daß es mit dem Massaker
zum einen eine Kriegserklärung gegen die USA gab und es zum zweiten eine real
existierende islamistische Massenbewegung gibt, der keinerlei Rückendeckung von
Links gebührt, sondern ihr ganzes Gegenteil, nämlich eine Kampfansage.. In diesem
Kontext müssen die Anschläge betrachtet werden. Insbesondere aber auch unter der
Berücksichtigung dessen, was Wolfgang Pohrt so formulierte: »Wenn die Verödung
der Menschen und die Destruktion des Gebrauchswerts ihre Dynamik aus den Zentren
der gesellschaftlichen Entwicklung, aus der materiellen Produktion beziehen,
dann werden Schönheitsreparaturen an der Peripherie gerade das Gegenteil des von
ihnen Bezweckten erreichen.«7
Unter solchen Vorzeichen der Frage Jean Amerys nachzugehen, ob es »vielleicht so
etwas wie einen reaktionssicheren ðlinken InstinktÐ, jenseits, beziehungsweise
vor aller Analyse« geben kann, muß man wohl oder übel die Antwort schuldig
bleiben.8 Jean Amery, Die Widersprüche der Linken – Zur Sozialphilosophie des
Protests, in: ders., Weiterleben – aber wie?, Stuttgart 1982, S. 31
Allerdings muß im Zusammenhang mit der von Amery »an die Linke gestellte
geschichtliche Herausforderung« , daß es »in den Ländern der Dritten Welt« darum
ginge, »zu verhindern, daß aus den legitimen nationalen Freiheitsbewegungen
illegitime faschistoide Regime entstehen, in denen der nationale Freiheitskampf
umschlägt in chauvinistische Raserei (…)«9 betont werden, daß diese angenommene
Herausforderung mit einer Niederlage der Linken endete, die ganz andere
Konstellationen zum Ergebnis hat, als die Fanonsche Mär von den ewig Verdammten
dieser Erde beständig aufs Neue wiederkäuen zu können: emanzipatorische
Herausforderungen von heute sind dergestalt gänzlich andere.
In diesem Sinne kann bezüglich der Ereignisse vom 11.Sepember nur die Tat selbst
(Mathias Küntzel) entscheidend sein. Verdeutlicht sie doch eindringlich den
Ausfall der Zweck-Mittel-Rationalität in der Durchführung eines Aktes maßloser
Vernichtung, der sich in der Praxis zur bürgerlichen Rationalität maßloser
Verwertung gerade diametral entgegengesetzt verhält: es sollten eben als
Selbstzweck so viele Menschen als nur irgendmöglich zu Tode kommen. Diese Tat-
sächliche Konstellation ist eben nicht ein Ausdruck des Antisemitismus, sondern
er selbst, wie Adorno/Horkheimer es formulierten. Wer unter diesem Eindruck
rumlamentiert, gar darauf verweist, daß die anderen Anschlagziele ja völlig
ðtraditionellÐ-rationale gewesen seien, kann nicht nur genau so gut behaupten,
daß die Deutschen ja nicht nur Juden vernichtet hätten, sondern auch durchaus
rationale Kriegsziele hatten, nein, der nimmt auch die unverkennbar
antisemitischen Elemente der Anschläge nicht zum Ausgangspunkt der eigenen
Reflexion und verrät damit nichts weiter als eine Leidenschaftslosigkeit, der
nach Auschwitz der Antisemitismus zwar nicht am Arsch vorbeigeht, aber auch
nicht wirklich nahe genug, um darin den Ausdruck eines objektiven Problems
bürgerlicher Herrschaft zu sehen: das aus dem Kapitalverhältnis notwendig
erzeugte Bedürfnis nach seiner negativen Aufhebung.
Unter dem Eindruck dieser Konstellation steht emanzipatorische Praxis vor der
Herausforderung, zwei kategorische Imperative zum Ausgangspunkt von
Gesellschaftskritik zu machen: Den Marxschen von der Umwälzung aller
Verhältnisse der Knechtung und Verachtung der Menschen und den Adornitischen der
konkreten Verhinderung eines ðzweiten AuschwitzÐ oder ähnlichem. Diese stehen
keineswegs gegeneinander. Negative Dialektik hat gerade bei der konkreten
Bekämpfung des Antisemitismus den festen Standpunkt der Aufklärung einzunehmen,
sich zu ihr eben nicht zweideutig zu verhalten.

Bestand und Zukunft

Die entscheidende Diskussion, die in nächster Zeit zu führen wäre, kreist um die
Fragestellung, inwieweit eine durch die Verhältnisse erzeugte Regression des
bürgerlichen Bewußtseins Ausdruck jener von Pohrt und anderen längst
prognostizierten Verüberflüssigung der Menschen ist. Wenn also die
Überflüssigkeit der Menschen in der Gesellschaft unwiderruflich mit dem
Schicksal einer Subjektform und deren Inhalt verknüpft ist, wirft das
automatisch die Frage auf, in welchem Verhältnis zur gesellschaftlichen
Wirklichkeit ein negatives wie auch positives Bedürfnis des Subjekts zur
Aufhebung des Kapitalverhältnisses nicht nur zueinander, sondern vor allen
Dingen gesellschaftlich vermittelt über den Zustand der kapitalistischen
Gesellschaft zum Fetischcharakter der Ware und seinem Geheimnis besteht. Wirkt
die Regression etwa so substantiell, daß sie jegliches Bedürfnis nach
Veränderung zu tilgen vermag und selbst eine Racket-Theorie noch insofern eine
falsche Herrschaftskritik ist, als sie in der Dichotomie von Herrschern und
Beherrschten verharrt und so die veränderte Charakterstruktur des Subjekts zu
wenig bedenkt? Es müßte sich für eine gemeinsame Diskussion zuerst darauf
geeinigt werden, in welchem »Stadium« von Vergesellschaftung man eigentlich
gegenwärtig lebt, und ob nicht gar das beschriebene Ende der Kapitalexpansion
mit dem Ende der Kolonialzeit zu datieren wäre, weil mit derem Ende endgültig
weltweit die notwendige doppelt freie Stellung der Produzenten zu den
Arbeitsmitteln hergestellt wurde.10 Man kann keinen Bogen um die Einsicht
machen, daß das, was in der Kritischen Theorie als »total verwaltete Welt« oder
»automatisierte Gesellschaft« benannt wurde, heute in einem Maße
vorangeschritten ist, daß es sich unermeßlich tief in das Subjekt eingebrannt
haben muß. »Das heißt«, schrieb Horkheimer bereits 1968, »der einzelne autonome
Mensch, der für die Gesellschaft, wäre sie gerecht, charakteristisch sein
sollte, ist heute im Verschwinden.« Und er fügte an: »Das scheint mir eines der
wichtigsten Momente, auf das wir zu achten haben, wenn wir an der heutigen
Gesellschaft Kritik üben.«11 Daß das gar nicht so weit weg von Formulierungen
eines R. Kurz klingt, wie man es gern hätte, kann nicht nur bloßer Zufall sein,
sondern verweist vielmehr auf eine mittlerweile eingeschliffene ritualisierte
Abwehr der Krisis-Positionen.12 Und so dürfte wohl auch kaum zur Kenntnis
genommen worden sein, was Krisis-Kader Roswitha Scholz in den erputschten
Steifzügen einräumt. Sie schreibt dort, daß es »ein Manko der Krisis-Position
(sei), daß sie bis jetzt eine mit der Wertkritik einhergehende Kritik der
Identitätslogik weitgehend ausgeblendet hat und noch immer die Tendenz besteht,
unterschiedslos alles unter den Wert-Hut zu packen.« Und sie schlußfolgert
daraus: »Das birgt die Gefahr, noch im kritischen Wissen vom Wert als
Negativprinzip die anstehende Subjekt-Kritik insofern zu verfehlen, als in der
negativen Bestimmung der Subjektform dennoch ein alter Subjekt-Objekt-Dualismus
beibehalten wird.«13
Ignoranz als Pseudo-Strafe kann Antideutsche letztlich wohl kaum schlauer
machen. Und daß man solche Positionen wie die Scholzsche als gewichtiger Teil
der Nürnberger bekämpfen muß »wie jede andere faschistische Gefahr auch«**, ist
unter aller Kritik. Es ist ja tatsächlich erkenntniskritisch anzumerken, daß die
objektiven Konstitutionsbedingungen für die Formung von Subjektivität eben nicht
nur als vermittelter Inhalt zu begreifen sind, der vom ummantelten Subjekt-Kern
durch Kritik nur abgemeißelt werden müßte, sondern als tiefgehend rückwirkend
auf den Inhalt des Kerns der Subjektivität selbst zu fassen sind.
Die antideutschen Meriten, ähnliches hinsichtlich des Erfassens des
postfaschistischen Subjekts und dessen verstaateter (Agnoli) völkischen
Charakterstruktur voran gebracht zu haben, hat einer Staatskritik aus dem linken
Schattendasein verholfen, die eben nicht vulgär an den gewaltförmigen
Staatsstrukturen ansetzt, sondern an den konstitutiven Momenten der
Staatssubjektbildung und damit an den Existenzbedingungen für die
Verinnerlichung des Citoyens im Subjekt selbst. Nicht nur die offene, sondern
gerade die schlummernde faschistische Latenz im Subjekt ließ sich so, anknüpfend
an die Kritische Theorie, ins Zentrum einer Kritik rücken, deren Aktualität mit
der Transformation der Demokratie jene barbarischen Momente in sich birgt, von
denen niemand weiß, was genau durch- oder ausbrechen kann. Die Bewußtwerdung der
Angst davor aber erzeugt zumindest den warnenden Inhalt der Kritik. Festzuhalten
bleibt, daß die postfaschistische Transformation der Demokratie nach Auschwitz
die Transformation einer Linken in einem selbst von Brückner und Agnoli nicht
geahntem Maße verlangt, das auch Antideutsche im Rückgriff auf die
Staatskapitalismusanalyse in Gänze nicht zu erfassen vermögen. Der vermeintliche
Rückbau des Sozialstaats entpuppt sich bekanntlich vielmehr als sein Umbau. Und
daß er im Sinne des Kapitals auf das anachronistische Wohlfahrtsmoment
verzichten muß, macht ihn eben nicht schwächer, sondern mit ziemlicher
Sicherheit (sic!) auf Kosten der Subjekte stärker.
Die notwendig aufzuwerfende Frage der ausreichenden Rückbindung an eine Kritik
der politischen Ökonomie, die in der beanspruchten Weiterführung der Kritischen
Theorie nach eventuellen Schwachstellen zu hinterfragen ist, kann hier nicht
erspart bleiben. Da es bei der Aneingnung der Kritischen Theorie um nichts
weniger als die Behauptung und Verteidigung ihres Zeitkerns geht, muß im Zuge
einer lauernden Gefahr unkritischer Aneignung derselben an dieser Stelle
ausführlich darauf verwiesen werden, was Christoph Türcke und Gerhard Bolte 1994
zum Verhältnis von Kulturkritik und Kritik der politischen Ökonomie in der
Kritischen Theorie anmerkten : »Wurden schon im ðaltenÐ Institut für
Sozialforschung überwiegend kulturkritische Studien gemacht, so entstanden sie
doch in einem Diskussionsprozess mit Fachökonomen, in dem Weltwirtschaftskrise,
Markt und Plan, Wert-Preis-Transformation für die Einschätzung der
gesamtgesellschaftlichen Lage eine wichtige Rolle spielten. Im zurückgekehrten
Institut hingegen wurde der Bezug zu fortgeschrittenster kritischer Ökonomie
nicht mehr ernstlich gesucht. Die unabsehbare Fortdauer der warenproduzierenden
Gesellschaft wurde mehr oder weniger umstandslos als das ðfalscheÐ Fundament der
Phänomene vorausgesetzt, um deren Analyse man sich bemühte. Es ging zumeist um
Kultur, Erziehung, Triebstruktur, Vergangenheitsbewältigung in der
antagonistischen Gesellschaft, aber nicht mehr um die konkrete Bewegung des
ökonomischen Antagonismus selbst: internationale Kapitalver- und entflechtung,
technische Entwicklung, globale Verschiebung im Verhältnis von Klassen und
Schichten, arm und reich etc. Für Vorgänge dieser Art schliffen sich Formeln wie
ðdasÐ Bestehende, ðdasÐ falsche Ganze, ðderÐ Betrieb, ðdieÐ verwaltete Welt ein,
ohne daß noch genau hingeschaut wurde, wie diese Verwaltung eigentlich genau
funktioniert und welche Art von Krisen und Konflikten sich verwaltungstechnisch
nicht mehr lösen lassen. Die Wendung von der Ökonomie- zur Kulturkritik, die in
den dreißiger Jahren (…) dringend geboten war, tendierte von den fünfziger
Jahren an zur Verselbständigung der Kultur- gegen die Ökonomiekritik. (…) Daß
man die Rückbindung der eigenen Studien an ökonomische nicht mehr zu
organisieren suchte, weil man sich davon keinen entscheidenden
Erkenntnisfortschritt mehr versprach, als sei über die wirtschaftliche Bewegung
der Gesellschaft alles Wesentliche eigentlich gesagt und außer der Sammlung
neuen Materials für schon Bekanntes nichts mehr zu leisten – das macht das
zunehmende ökonomische Defizit kritischer Theorie aus. Es dauert bis heute
an.«14

Materialismus und Theologie

Unser Begriff von Geschichte ist durch und durch theologisch. Theologisch das
Eingedenken (Benjamin) in die Vergangenheit mit dem Fluchtpunkt der Erlösung,
der Revolution. Es wird richtungsweisend sein, wie mit der Janusköpfigkeit
Walter Benjamins (seinen Gesichtern Messianismus und Materialismus), die auch
der Kritischen Theorie innewohnt, umgegangen wird, ob der heute verdrängte
Moment der Theologie im eigenen Denken wieder zu Tage tritt und seine
revolutionäre Kraft entfaltet.
Richtungsweisend in dem Sinne, daß das »mit sich ins Reine kommen«, die
Selbstreflexion, Voraussetzung ist, Urteil über die Religion zu fällen: Im
anderen Falle würde die verdrängte Theologie im heutigen kritischen Denken eine
Abwehrhaltung gegen den Islam provozieren, die nur unkritisch wäre und einem
kritischen Materialismus künftig den Boden entziehen würde. Letztendlich geht es
um die Rettung jüdischer Sedimente, die, verschlüsselt in Kritischer Theorie,
auch die eigenen sind, und die auch im Islam im dialektischen Sinne aufgehoben
sind. Aufklärung als emanzipatorische ist säkularisierte Religion, keine
Gottesaustreibung, letztere schlägt um ins Reaktionäre, sie schüttet das Kind
mit dem Bade aus.
Das Versprechen auf Erlösung, welches trotz nicht enden wollender Niederlagen im
Mittelpunkt unseres Denkens steht, spottet der Realität: Trotz, und gerade
aufgrund des Bilderverbotes, glauben wir an etwas von Grund auf anderes, was es
auf Erden zu verwirklichen gilt. Die Heimatlosigkeit, die wir mit dem Auszug in
die »Eiswüste der Abstraktion«15 besiegeln, weckt die Sehnsucht auf die
nachrevolutionäre Heimat: die versöhnte Weltgesellschaft.
Theologie war und ist Aufklärung. Unter bestimmten Umständen kann sie ihren
Beitrag zum Bewußtmachen des Nicht-Identischen, des Besonderen, des
Unbegreifbaren leisten, den »entseelten« mechanischen Materialismus wieder zu
»beseelen«, jenen, dessen Formprinzip das der Ware, der Subsumtionslogik, ist.
Etwas davon steckt in der Empörung über das Äquivalenz-Prinzip »zwei
verschiedene Dinge lassen sich nicht gleich setzen!« und betrifft ebenso die
Ware Mensch: das demolierte und tendenziell überflüssige bürgerliche Subjekt ist
zunehmend nicht mehr in der Lage aus dieser Gesellschaft ein Glücksversprechen
herauszulesen, da es tendenziell kein Ich mehr gibt, welches – ausgestattet mit
einem Gattungsbewußtsein - mit den Gütern etwas besseres sich vorstellen kann.
Theologisches Denken kann unter bestimmten Voraussetzungen das Ich stärken und
also das vernünftige (im emanzipatorischen Sinne) handeln befördern. Eine dieser
Voraussetzungen, ohne die letztere Thesen lebensphilosophisch in sich
zusammenfallen würden, benennt Horkheimer: »Wenn die Tradition, die religiösen
Kategorien insbesondere die Gerechtigkeit und Güte Gottes nicht als Dogmen,
nicht als absolute Wahrheit vermittelt werden, sondern als die Sehnsucht derer,
die zu wahrer Trauer fähig sind, eben weil die Lehren nicht bewiesen werden
können und der Zweifel ihnen zugehört, läßt theologische Gesinnung, zumindest
ihre Basis, in adäquater Form sich erhalten. (…) Den Zweifel in die Religion
einzubeziehen, ist ein Moment ihrer Rettung.«16 und man könnte ergänzen: Die
Theologie in den Materialismus mit einzubeziehen, ist eben Moment seiner
Rettung. Das wäre nur konsequent aus der Dialektik der Aufklärung betrachtet,
diese schlägt um, verliert sie das Bewußtsein des Nicht-Identischen. In dem
Sinne ist auch Adorno zu lesen, wenn er in der Negativen Dialektik über den
Materialismus urteilt: »Mit der Theologie kommt er dort überein, wo er am
materialistischesten ist. Seine Sehnsucht wäre die Auferstehung des Fleisches.«
und folgert: »Fluchtpunkt des historischen Materialismus wäre seine eigene
Aufhebung.«17 Oder mit Benjamin: »Die Ordnung des Profanen hat sich aufzurichten
an der Idee des Glücks. (...) Denn im Glück erstrebt alles Irdische seinen
Untergang, nur im Glück aber ist ihm der Untergang zu finden bestimmt.«18

Shalom al Israel!

Die ewige Antisemitenfrage, die das Kapitalverhältnis aus sich heraus
produziert, ist bekanntlich nicht das Problem des Kapitals, sondern von
Menschen, die als halluziniertes Kollektiv von Ahasvern für das Kapital büßen
sollen. Sie sind wahrlich die Verdammten dieser Erde. Das ist der Rahmen für
das, was Auschwitz verkörpert und deshalb der Grund antideutscher Solidarität
mit Israel.
Um allerdings einer solidarischen Selbstüberschätzung und der damit verbundenen
unschönen Sprachästhetik vorzubeugen, sei angemerkt, daß es Antideutschen aus
ihrer Stellung heraus nicht »um Israel« gehen sollte, wie es schrill aus
antideutschen Posaunen tönt, sondern um das notwendige Verhältnis zu ihm.
Insofern ist die Solidarität auch keine »bedingungslose«, sondern vielmehr
objektiv notwendige geschichtliche Bedingung aller gesellschaftlichen
Emanzipation: »Vergangenes historisch artikulieren heißt nicht, es erkennen,
ðwie es denn eigentlich istÐ. Es heißt, sich einer Erinnerung bemächtigen, wie
sie im Augenblick einer Gefahr aufblitzt«, so formulierte es Benjamin.19
Solidarität mit Israel entspringt einem materialistischen Geschichtsbewußtsein,
das nicht die Frage nach der Eigentlichkeit des Konflikts stellt, sondern die
nach seiner historischen Bedeutung und Dimension: Unermeßliches menschliches
Leiden ist somit keine maßlose Tautologie, sondern unumstößliche historische
Wahrheit.
Alles, was der Sicherung und dem Schutz von Israel dient, ist zu begrüßen.
Israels Existenz zu verteidigen bedeutet, die Wahrheit zu verteidigen: die ganze
Wahrheit über Deutschland und die moslemische Volksgemeinschaft. Es ist zugleich
die Wahrheit über das Kapitalverhältnis und der permanent drohenden Versuche
seiner negativen Aufhebung: »Die historische Lektion, welche die Juden der Welt
absolvieren mußten, lautet, daß die zivile Welt ihre Emanzipationsversprechen
bis hin zur buchstäblichen Vernichtung des ausgeschlossenen Anderen und Fremden
gebrochen hat, daß sie wölfische ist und bleibt. Sicherheit ist den Juden
draußen niemals und nirgends garantiert.«20
Was die ungewisse Zukunft Israels angeht, so läßt sie sich kaum auf den Punkt
bringen. Der Historiker Paul Kennedy, Direktor für internationale
Sicherheitsstudien an der amerikanischen Universität Yale, formulierte sie
unfreiwillig so: »Die schwächeren Feinde werden dort zuschlagen, wo die USA
schwach sind.«21
Eine starke EU bedeutet eine Schwächung der USA. Die deutscheuropäischen
Bestrebungen eines Griffs zur Weltmacht bedeuten den Zangengriff für Israel. Die
europäische Konkurrenz mit den USA kennt ideologisch nur das Mittel eines
antiwestlichen Ressentiments. Dieses Ressentiment aber ist der Schulterschluß
mit der arabischen Gemeinschaft: So stellt die universelle Menschenrechtsfrage
zugleich Israel zur Disposition. In den Bestrebungen der Deutscheuropäer
bewahrheitet sich die Einschätzung Dan Diners: »Falls die israelische Regierung
sich nicht auf die territoriale Gestalt des Konflikts einläßt (…), wird der
Konflikt seine alternative zweite Gestalt ausprägen, das heißt als
Menschenrechtskonflikt hervortreten. (…) So ist zu erwarten, daß eine
systematische Festschreibung des Konflikts zu einer Auseinandersetzung um
Menschenrechte, die den Palästinensern verweigert werden, langfristig mit dem
demokratischen, ethnische Hegemonien neutralisierenden, politischen
Selbstverständnis der USA kollidiert. Gleichzeitig würde eine solche
Konfliktkonstellation den außenpolitischen Interessen Amerikas an regionaler und
globaler Stabilität zuwiderlaufen.«22
Daß Arafat Oslo scheitern ließ, bringt, so betrachtet, durchaus das
längerfristige Kalkül der Palästinenser zum Ausdruck. Der deutscheuropäische
Wahn von der Selbstbestimmung aller Völker ist dabei die antiamerikanische
Folie, mit der die EU zusammen mit den Palästinensern Israel zu Leibe rückt.
Wenn sich also die Frage nach gemeinsamen antideutschen Interventionen gestellt
wird, so schlagen wir vor, die gemeinsame Phalanx von Palästinensern, der EU und
Deutschland gezielt ins Visier der Kritik zu nehmen.
Antinationale Gruppe Leipzig



1 Theodor W. Adorno, Melange, in: ders., Minima Moralia, 1969, S.130

2 vgl. Hans-Jürgen Krahl, Konstitution und Klassenkampf, Frankfurt/Main 1971, S.
8 4. Krahl schreibt: »Das Stadium der immanenten Selbstzersetzung der Warenform
zugunsten des totalitären Tauschs ist erreicht, nicht nur hat endgültig die
Verpackung über das Produkt gesiegt – der Gebrauchswert ist zerstört -, wir
konsumieren Reklame, wenn wir essen und trinken, und ernähren uns davon.. (…) Wir
müssen die Dinge denunzieren, um die Menschen für deren Genuß zu befreien. Die
Dinge aber, die keine sind, sind die Institutionen – objektiver Ungeist.. Auch
der Begriff der Charaktermaske wurde ausgelöscht, hinter den Masken stecken
keine Gesichter mehr; dieser Marxsche Begriff der zur Funktion seines
produktiven Privateigentums herabgesetzten Individuums ist polemisch an der
Ideologie von dessen Autonomie, der der privaten Persönlichkeit, orientiert. Die
gibt es nicht mehr – ebenso wie Anpassung zur Mimesis ausgehöhlt wird..«
3 zitiert aus: Gunzelin Schmid Noerr, Gesten aus Begriffen – Konstellationen der
Kritischen Theorie; Frankfurt/Main 1997, S. 67
4 ebd.
5 Karl Marx, Das Kapital, Erster Band, Berlin 1955, S.57
6 Walter Benjamin, Der destruktive Charakter, in: ders.Illuminationen,
Frankfurt/Main 1977
7 Wolfgang Pohrt, Theorie des Gebrauchswerts, Frankfurt/Main 1976, S.19
8Jean Amery, Die Widersprüche der Linken – Zur Sozialphilosophie des Protests,
in: ders., Weiterleben – aber wie?, Stuttgart 1982, S. 31
9 ebd. S. 33; Was Amery in demselben Aufsatz feststellt, scheint im übrigen eine
gute Steilvorlage für eine notwendige Diskussion um das linke Verhältnis zur
Befürwortung des militärischen Vorgehens seitens der USA zu sein. Er schreibt:
»Was mir unüberschreitbar und in seiner Geltung nicht aufhebbar erscheint, ist
der linke Protest, der (…) in der Tat sich kundtun muß überall dort, wo die
Gesellschaft (…) repressiven Charakter hat, wobei allerdings unvermeidlich ist,
daß zeitweilig und unter bestimmten Umständen die antirepressiven Kräfte sich
des Robbespierschen Despotismus der Freiheit bedienen. (…) Gegen den
Freiheitsterror aber hat sich alsbald wiederum (…) der linke Protest zu erheben,
wenn der Mensch sich behaupten soll.« (S.44/45)
10 Im übrigen gilt das in gleichem Maße für den Begriff von Globalisierung. Also
dafür, ob nicht ein sogenannter Globalisierungs-Prozess mit dem Ende der
Kolonialzeit als abgeschlossen zu betrachten wäre.
11 Max Horkheimer, Zur Kritik der gegenwärtigen Gesellschaft, in: ders.
Gesellschaft im Übergang, Frankfurt/Main 1981, S. 145. Horkheimer fügt weiter
unten in besagtem Aufsatz hinzu: »Es besteht die Möglichkeit (…), daß wir einer
automatisierten Gesellschaft zustreben (…), in der die Verhaltensregeln so tief
in die Substanz der Menschen eingedrungen sind, daß sie gewissermaßen schon
instinktmäßig richtig reagieren und daß sie sich um das, was wir Freiheit
nennen, und um die sogenannten höheren Ziele überhaupt nicht mehr kümmern.« – Im
übrigen schließt Wolfgang Pohrt genau dort an, wenn er feststellt: »Wenn die
Menschen sich der materialistischen Lehre zufolge im praktischen Umgang mit den
Dingen bilden, dann sind reich und vielfältig entwickelte Individuen nichts
anderes als die reiche Mannigfaltigkeit und Brauchbarkeit der gegenständlichen
Welt als Subjekt. Fehlt solcher Umgang mit den Dingen, und ist die
gegenständliche Welt eintönig und unbrauchbar geworden, dann ist die
Verkümmerung und Verwahrlosung der Individuen eine zwangsläufige Konsequenz.«
In: Theorie des Gebrauchswerts, Frankfurt a. M. 1976, S. 21
12 So schreibt Robert Kurz in Fanta auf Lebenszeit: »Das Individuum geht (…)
nicht in seiner bürgerlichen Subjektform auf. (…) Die Kritik, die lediglich die
aufklärerische Subjekt-Illusion des ðautonomen BürgersÐ konserviert hat,
zerfällt bei der ersten ernsthaften Berührung mit der Realität des 21.
Jahrhunderts zu Staub.«
13 Roswitha Scholz, Identitätslogik und Kapitalismuskritik; in: Streifzüge 3/
2001 S.24
14 So heißt es bekanntlich in der dritten Bahamas-Erklärung unter dem Titel »Zur
Verteidigung der Zivilisation« wie folgt: »Wenn allerdings Antikapitalismus von
den Nürnbergerischen und anderen islamisch-deutschen Gemeinschaftswerken nicht
mehr die Aufhebung der kapitalistischen Vergesellschaftung auf ihrem höchsten,
also westlichen Niveau einfordert und blind ist für die Gefahren eines
Antikapitalismus, der nur noch den vorzivilisatorischen egalitären Schrecken
bereithält, dann muß man ihn bekämpfen wie jede andere faschistische Gefahr
auch.«
15 Christoph Türcke/Gerhard Bolte, Einführung in die Kritische Theorie,
Darmstadt 1994, S.72/73
16 Adorno zitiert Benjamin, Negative Dialektik, Vorrede
17 Max Horkheimer, Kritische Theorie gestern und heute; in: ders. Gesellschaft
in Übergängen, Frankfurt/Main 1981, S.167
18 Adorno, Negative Dialektik, Frankfurt a. M. 1975, S.207
19 W.Benjamin, Theologisch-politisches Fragment
20 Walter Benjamin, Über den Begriff der Geschichte, in: ders. Illuminationen,
Frankfurt a. M. 1977, S.25321Dan Diner, Ungeliebter Friede – Israel und die
Araber; in: ders.: Der Krieg der Erinnerungen und die Ordnung der Welt, Berlin
1991, S.116
22 vgl. Der Spiegel 06/2002
23 Dan Diner, S.115

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