incipito

Interview mit dem "De Centrum"

Squat in Bialystok in Polen


    Bialystok gehört zur verschlafenen Provinz Podlasie im Nordosten Polens. In dieser Region und weiten Teilen jetzt zu Weissrussland gehörender Gebiete, gab es bis in die 40er Jahre des 20. Jhd. einen oft bis zu 50%igen Anteil jüdischer Bevölkerung. Wem 6 Millionen getötete Juden in der Zeit des dritten Reiches bisher nur eine anonyme Zahl gewesen sein mochten, kann sich dies anschaulich verdeutlichen anhand des Faktes, daß in dieser Region nach dem 2. Weltkrieg ganze Landstriche entvölkert waren, Städte zur kleinen Nestern verkamen, weil ein Hauptteil der Bevölkerung einfach verschwunden war.
    Bialystok selbst wurde wie die meisten Städte in dieser Region zum Großteil zerstört und verkam danach zur Plattenbauidylle. Die Bevölkerung besteht mittlerweile, bedingt durch die jetzige Grenznähe, zum einem Großteil aus WeisrussInnen. Einen krassen Kontrast zum sonstigen Einerlei zwischen den 50er Jahre Neubauten, bildet "De Centrum", ein alternatives Kultur & Wohnprojekt in einer besetzten Fabrikhalle im Zentrum der Stadt, betrieben vom "Kollektiv", einer Handvoll Leute um die 20.
    Aufgeschreckt durch immer wiederkehrende Meldungen von krassen Nazi- und Polizeiüberfällen, belästigt durch permanente Spendenaufrufe für Anwaltskosten und aus allgemeinem Interesse an der sogenannten Szene in Polen haben wir uns im Juni 2002 dorthin begeben um uns direkt ein Bild darüber zu machen.


incipito: Zuerst möchte ich natürlich erst einmal ein paar allgemeine Dinge über das Haus wissen; wie lange es existiert, was für Leute hier leben etc.
DC:
Das Projekt existiert seit Herbst 2000. Entdeckt wurde das Gebäude als ein paar Leute eine ruhige Ecke zum Kiffen gesucht haben. Irgendwann gab es dann mal eine große Party und als man merkte daß nichts passiert, begannen sich ein paar Leute für länger einzurichten, hier einzuziehen und es der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. Es wurden Konzerte veranstaltet, Demos organisiert etc.
Es gibt hier zwei KünstlerInnenprojekte. Das eine heißt "De Models" und das andere ist "W - 23", die sich unter anderem mit Malerei, Ausgestaltung für die Konzerte, experimenteller Musik und Webdesignkram beschäftigen. Bei beiden handelt es sich um typische DIY[1] - Projekte.
Die Sektion Bialystok der Anarchistischen Föderation ist hier Zuhause und ABC[2]-Bialystok natürlich eng damit verbunden. Das heißt aber nicht, daß wir alles Anarchisten sind. Es gab zum Beispiel auch schon kommunistisch orientierte Leute hier und viele der Antifas sind Oi und SHARP - Skinheads.
Mittlerweile hatten wir hier schon zwei Polizeiaktionen. Die erste war im August und die zweite im Oktober 2001. Im Oktober stürmten sie die Party zum ersten Geburtstag des Hauses.

incipito: Ich erinnere mich, es gab da so eine Meldung, daß die Cops Eure Sachen beschlagnahmt haben..
DC:
Ja, sie haben bei der Aktion im August ein paar Sachen, wie z.B. die Fahrräder mitgenommen, um zu checken, ob sie gestohlen sind - haben aber alles zurückgebracht. Außer...na ja, die Zwiebeln.

incipito:..so daß ihr immer noch auf Eure Zwiebeln wartet..
DC:
..Ja.

incipito: O.K., Stichwort Demos organisieren; d.h. daß Ihr Euch auch aktiv politisch betätigt. Was für Sachen macht ihr zum Beispiel?
DC:
Von hier aus laufen die verschiedensten Antinazi, -Polizei, -Kapitalismus, -Genfood etc. Aktionen. Das ist dann meist sehr anlaßbezogen, wie zum Beispiel die Soliaktionen für Genua.
Letztes Jahr waren wir so etwas wie die Basis für das Grenzcamp in Krynki (Grenze zu Weißrußland), was auch die Soliaktionen für die dabei verhafteten Leute mit einschloß.
Die Anarchistische Föderation ist regelmäßig an polenweiten Aktionen, wie zum Beispiel den 1. Mai-Demos beteiligt.
Zu den regelmäßigen Sachen gehört z.B. FOOD NOT BOMBS, d.h. im Haus wird gekocht und das Essen auf der Straße, natürlich hauptsächlich an sozial Schwache, verteilt.
Es gab auch eine Aktion gegen die sehr strengen Drogengesetze hier in Polen. Für kleinste Mengen, auch weicher Drogen, kann man schon ca. 3 Jahre Knast kriegen. Das ging teilweise schon so weit, daß sie das Equipment beschlagnahmt und im Labor nachforscht haben, was du damit konsumiert hast.
Ach so..und Aktionen wegen der Verschärfung von Polens Ostgrenze, wegen dem demnächst anstehenden EU-Beitritt.

incipito: Ja klar, ihr habt ja dann die EU-Grenze direkt vor der Nase. Da wird sich natürlich einiges hier ändern.
DC:
...kein Billig-Shopping mehr. Nein, aber die ganzen Leute die jetzt noch hin und her pendeln, und wenn nur für Schwarzmarktgeschäfte um irgendwie durchzukommen, müssen dann ständig Visa kaufen. Das betrifft z.B. auch die Band CONTRA LA CONTRA[3], wenn sie hier unterwegs sind.

incipito: Was gibt es, außer CLC, die ja neben ihrem Bandprojekt auch sonst politisch sehr aktiv sind, noch für Kontakte nach Weißrußland? Inwieweit arbeitet Ihr zusammen?
DC: Es gibt da noch ein paar Leute in Minsk. Morgen kommt z.B. auch eine Öko-Gruppe aus Weißrußland...

incipito: Jemand von Euch hat mir erzählt, daß es irgendwann eine gemeinsam Website mit den Leuten in Weißrußland geben soll.
DC: Ja, aber da hat sich bis jetzt nichts weiter getan..

incipito: Wie fast überall in Europa, habt Ihr hier ein Naziproblem, wie macht sich das bemerkbar?
DC: Es gibt eine rechte Jugendorganisation "Mlodziez Wszechpolska" (Gesamtpolnische Jugend) welche sehr oft Security für nationale Parteien machen und eine organisierte Nazigruppe von hauptsächlich älteren Leuten, die sich "Nord - Easterland" nennen, die Konzerte organisieren und T-Shirts verkaufen. Einer von ihnen hat einen Laden mit Lonsdale und diesem ganzen Kram und der verkauft dann, glaube ich, auch gleich die entsprechende Musik mit dazu...
"Nord - Easterland" sind vor letzte Woche auch mal hier aufgetaucht, obwohl sie sonst eigentlich nicht aktionistisch drauf sind. Es gab ein ganz schönes Gemetzel an dem Tag - einem von uns ist bei der Aktion die gesamte Hand mit Nerven und Venen aufgeschlitzt worden und er weiß nicht, ob er sie je wieder bewegen kann. Wir hatten aber die Hämmer mit den abgesägten Griffen, so daß von denen auch welche liegengeblieben sind... Sie haben es auf alle Fälle nicht hingekriegt reinzukommen. Wir vermuten, daß die sich eh nur dazu hinreißen lassen haben, weil die Nachwuchsnazis sie um Hilfe gebeten haben.

incipito: Organisieren die sich wirklich nur, oder gibt es auch sonst direkte Angriffe - zum Beispiel auch gegen Zigeuner, Juden und Punks etc.?
DC: Gegen Punks auf alle Fälle. Von Attacken auf andere haben wir noch nicht so oft gehört. Die einzige direkte Konfrontation normalerweise hier für uns, ist die mit den jüngeren Nazis, die sich in der Nähe des Hauses herumtreiben und versuchen einzelne Leute abzugreifen. Das allgemeine Nationalismus Problem liegt natürlich tiefer - bei den Älteren die noch stark mit der katholischen Kirche verhaftet sind. 30-40% in dieser Region gehören, durch die vielen Weißrussen die hier leben, zur Orthodoxen Kirche, und das obwohl der Rest Polens maximum-katholisch ist. Eine sehr schöne antirussische Sprüherei ist direkt neben der Orthodoxen Kirche zu sehen...

incipito: Was geben die sonst noch so von sich?
DC:
Einer der einflußreichsten Katholikenführer hat zum Beispiel mal geäußert, daß er es nicht erträgt von Juden regiert zu werden.. und Leute die nur auf solche Autoritäten hören...Ihr könnt Euch sicher vorstellen, was das für einen Einfluß hat.
Die Katholiken haben ja auch diese Kreuzaktion in Auschwitz organisiert. Die haben die Leute dazu aufgerufen massig Kreuze am ehemaligen KZ aufzustellen, um darauf hinzuweisen, daß dort nicht nur Juden umgekommen sind. Daß die Katholiken z.B. auch massenhaft Leute an die Nazis ausgeliefert haben bzw. sogar auch gern selbst mal mit Hand angelegt haben[4], will allerdings niemand mehr hören. Zum Glück sind diese Kreuze alle bis auf eins entfernt worden.
Auch in anderer Hinsicht sind die Katholiken immer noch eine starke Basis für konservatives Denken. Als in den Kinos zum Beispiel ein Film über Homosexualität unter katholischen Priestern lief, hat "Radio Marija"[5] natürlich die ganzen "Gläubigen" mobilisiert und die haben dann wochenlang vor den Kinos rumgekniet und gebetet. Es muß was dran sein, wenn sie sich so darüber aufregen...

incipito: Überall in Polen gibt es ja auch eine Menge direkt antijüdische Sprühereien. Es ist schon etwas beklemmend, daß die örtliche Bevölkerung dieses Wochenende mit Begeisterung katholischen Kinderchören zugejubelt hat, während die Tribüne hinter ihnen von einem "Graffiti" mit Davidstern am Galgen geziert wurde...
DC: Klar, vielleicht fanden die das gerade erst toll...Das ist aber mehr so etwas wie ein Synonym, daß zum Beispiel der schlechte Politiker immer ein Jude ist. Es gibt ja nur noch ein paar tausend Juden in Polen, so daß die Leute gar nicht wissen können, wer ein Jude ist. Aber es kommt immer gut einen (politischen) Gegner als Juden zu bezeichnen. Es geht nicht mehr darum direkt gegen Juden auf der Straße vorzugehen. Manchmal beschimpfen sich auch Fussball-clubs als Juden.

incipito: Ihr habt eine Menge ziemliche brutale Auseinandersetzungen mit Nazis. Geht das mehr von Euch aus, nach dem Motto, die Nazis schlagen wo man sie trifft, oder seit ihr mehr aus Verteidigungsgründen dazu gezwungen?
DC: Wie die Nazis die Antifas angreifen, werden sie von den Antifas angegriffen. Also schon eher aus Selbstschutz...(längeres Getuschel und Gelache)..ja also, wenn wir in der Unterzahl sind, ist es Selbstschutz und wenn sie es sind... ist es Prävention. Das hilft natürlich nur bei den Jüngeren - die Älteren ändern sich nicht mehr.

incipito: D.h. Euch ist auch daran gelegen die Nazis in ihrem Denken zu beeinflussen. Gibt es noch andere Konzepte außer die Nazis zu verprügeln?
DC: Plakatieren, Flyer verteilen etc., um Leute, die nicht an diesen Auseinandersetzungen beteiligt sind zu informieren.

incipito: Um zu erklären was hier abgeht.
DC:
Ja. Außerdem gibt es da noch Leute die sich mit dem Blockieren Webseiten beschäftigen.. Mit den Nazis zu reden macht jedoch wenig Sinn, genau so, wie sich die Antifas nicht beeinflussen lassen. Trotzdem ist es immer noch so, daß mehr Leute vom Antifa zum Nazi werden. Nazis die sich aus der Szene zurückziehen, werden meistens Drogendealer oder so was...

incipito: Aber versucht Ihr nicht wenigstens die Kids zu erreichen, die in Ihrem Umfeld gar nichts anderes kennen außer Nazi zu werden; ihnen Alternativen aufzuzeigen?
DC: Ja, wir zeigen den Leuten, das hier ist ein offenes Haus und jeder der kein Nazi sein will, kann hier herkommen. Die Kids aus der Nachbarschaft kommen ja auch hierher zum spielen. Sie sehen dann, daß wir keine "bösen Leute"? sind und daß wir auch lieber andere Dinge machen, als nur mit Waffen zu hantieren und die Leute von der "anderen Gruppe" zu verkloppen.

incipito: Nur mal so nebenbei - habt Ihr schon mal was vom "Ende der Antifa" in Deutschland gehört?
DC: ..Nein...Ist sie vorbei? Nein, haben wir noch nichts von gehört.

incipito: Wie seht Ihr Eure Zukunft hier - was für Tendenzen gibt es?
DC: Es gibt keine Garantie, daß wir hier bleiben können. Eine Menge Grundstücke hier wurden jetzt an Privatleute verkauft. Es ist abzusehen, daß die alten Fabrikhallen abgerissen werden und etwas "Schickes" hingebaut wird, so daß auch dieses Grundstück an Wert gewinnt...Wir wissen nicht wem das Grundstück gehört. Es gibt nur einen nervigen Typen, der behauptet, daß er der Besitzer ist. Der taucht ab und zu hier auf, greift sich ein paar Leute, kauft bißchen Alkohol und erzählt dann traurige Storys.

incipito:..und im Bezug auf Antifa?
DC: Die Kämpfe flauen immer mal eine Weile ab, aber wenn dann wieder neue Leute - frisches Blut - dazu kommen, geht es wieder los. Bialystok ist übrigens die einzige Stadt in Polen, in der die Konflikte so hart ausgetragen werden, in anderen Städten wird auf beiden Seiten mehr politisch agiert und weniger geprügelt.

incipito: Politische Aktionen welcher Art?
DC: Die Liga Polskich Rodzin[6] hat zum Beispiel Proteste gegen den EU-Beitritt organisiert. Die finden zwar, wegen der Nähe zur zukünftigen EU-Grenze, ausgerechnet hier statt, wurden aber von den anderen Städten aus organisiert. Der demnächst anstehende EU-Beitritt Polens weckt bei vielen Leuten, vor allem natürlich bei den sozial Schwächeren, verständliche Ängste und Bedenken vor den krassen Veränderungen. Die LPR nutzt diese Ängste gezielt um Wähler zu gewinnen.

incipito: Nehmt Ihr auch an internationalen Protesten teil, sprich Prag, Genua?
DC: Diejenigen die Geld haben, natürlich. Ansonsten machen wir auch lokale Support-Aktionen an den Global Action Days.

incipito: Wie sehen die aus?
DC: Kundgebungen, Infomaterial verteilen, Performance auf den Hauptstraßen z.B. ein Boxkampf der polnischen Arbeiter gegen die EU, einer in schwarz-rot und einer in den EU-Farben. Oder bei einer Anti-Genfood Aktion, haben sich Leute als Riesengemüse verkleidet.

incipito: O.K. Wir bedanken uns fürs Interview und ansonsten alles Gute.


[1] Do It Yourself - Arbeit ohne Profit
[2] Anarchist Black Cross - internationales anarchistisches Gefangenenhilfe-Netzwerk
[3] weißrussische Anarchopunkband (haben im Mai im Zoro gespielt) versuchen während ihrer Konzerte über die diktatorischen Zustände in Weißrußland zu informieren, Bandmitglieder schreiben u.a. im Anarchist - Newsletter "Abolishing The Borders From Below",
[4] antijüdische Pogrome gab es in Polen noch bis in die 50er Jahre, siehe auch: http://antisemitismus.juden-in-europa.de
[5] katholisch-rechtskonservativer Radiosender mit großem Einfluß in der Bevölkerung
[6] Polnische Familien Liga, konservativ-katholische Gruppierung, die mit fast 8% ins Parlament einzogen, vergleichbar mit Le Pens Front National. "Radio Marija" und die katholischen Priester fordern die Gläubigen auf die Familienliga zu wählen.

== De Centrum==
[Nummer:01/2002]
incipito.left-action.de   Zum Anfang