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left action - linksradikale Gruppen in  Leipzig - Archiv
 

27.05.2003

Über den Widerspruch von Antikapitalismus und kommunistischer Gesellschaftskritik

Für den Kommunismus

Leipzig, eine von gemeinen Linken immer wieder und fälschlicherweise als antideutsch dominiert bezeichnete Stadt, bleibt weiterhin Spielwiese der sogenannten radikalen Linken, welche beweist, wie man unter guten Bedingungen der Erkenntnis dennoch – und gerade wenn es darauf ankommt – vollständig regredieren kann. Der Krieg ist verloren und die Antikriegsposition blamiert: Zeit weiterzumachen wie bisher. Lesende Linke gibt es hier, solche die versichern wie bescheuert der Werner Pirker in der jungen Welt, der schäumende Kurz, der stumpfe Punk um die Ecke, die Montagsdemonstranten seien und wie wichtig doch Solidarität mit Israel und der Einspruch gegen den Antiamerikanismus.

Linke, die uns lange politikwissenschaftliche Ausführungen über die „Zivilgesellschaft“ halten und sich Satz um Satz um die spannende Frage, ob denn der liberale Import aus den USA in Deutschland seinen Namen überhaupt verdient, herumdrücken. Um ihrer Theorie, die Zivilgesellschaft wäre als „Staat, der seinen Rückzug inszeniert“ (BgR) ein schnödes Projekt der Herrschenden, Plausibilität zu verleihen, beginnen sie ihre Handvoll „historische Abrisse“ drei Jahre nach Wiedervereinigung, also erst zu dem Zeitpunkt als die Deutschen ihre Exorzierung der Vergangenheit als Entnazifizierung der ordentlichen, deutschen Gemeinschaft initiierten, welche moralisch gereinigt nun in der Lage ist, uns die Welt neu d.h. aktualisiert nationalrevolutionär zu erklären. Die Referenten wehrten sich vehement dagegen, in den antibürgerlichen Massenbewegungen von den neunziger Jahren bis heute Spuren nationalsozialistischer Selbstverwaltung zu entdecken: diese war ja, so wußte das BgR zumindest früher – beispielsweise, als es die Wurzener Bevölkerung angriff – maßgeblich eine von allen Deutschen betriebene Verstaatlichung der Gesellschaft. Jedenfalls gab es auf der Veranstaltung jede Menge Fakten, die einem irgendwas zu verstehen gaben, und das Publikum wurde nicht mit Hinweisen genervt, was das ganze denn mit den ökonomischen und historischen Bedingungen und dem daraus resultierenden Handeln und Denken zu tun haben könnte. Und am Schluß wurde klargestellt: Die Linksradikalen sollen von der Zivilgesellschaft die Finger lassen. Nur eine Frage blieb offen. Haben hier Zivilgesellschaftler zu Linksradikalen geredet oder wollten uns Linksradikale etwas über Zivilgesellschaft erklären?
Doch das ist nur die übliche Variante, welche zeigt, wie Menschen ihr Hobby alsbald zum Beruf machen, was erträglich und – soweit der Lohn im Verhältnis zur Mühe ihnen genußvolle Reproduktion der Arbeitskraft ermöglicht – zu wünschen wäre, wenn sie nicht damit für radikale Kritik unwiederbringlich verloren wären und fortan der deutschen Gesellschaft als Beispiel des eigenen friedlich-europäischen Selbstverständnisses gälten.
Eine andere Variante, sich von kommunistischer Kritik nach Lektüre unzähliger Bücher zu verabschieden, offenbart viel desaströser, wozu die im Tabubruch geschulte Linke fähig ist: So kann man in Leipzig in einer linken Stadtzeitung einen Text lesen, welcher sich ziemlich irr an die Thesen eines Jörg Friedrich und eines Günther Grass heranschleicht. In zwei, drei Sätzen ergießt sich eine dermaßen reaktionäre Phantasie, daß man sich zu fragen hat in welcher Verfassung die Redaktion der Incipito ist, die diesen Text in den Druck gibt. Es wird die ekelhafte These des Schandl Franz in Stellung gebracht, der allen ernstes behauptet – und sein Leipziger Nachturner meint es genauso – daß es im Krieg, so wie bei einer Vergewaltigung, um das „mutwillige Eindringen in etwas, was nicht will“ ginge, was nicht weniger bedeutet, als das der Irak den Autoren wohl als weiblich-natürlicher Volkskörper erscheint, der von der „Vernichtungslogik des kapitalistischen Krieges“ qua Invasion vergewaltigt wird. Mit dieser Logik wird auch der Volkssturm 1945 zu Notwehr. Gegenteiliges lässt sich im Text des Leipziger Autoren nicht finden.
Der Autor scheint sich in die angegriffene „Gemeinschaft“ – die im Krieg so gedemütigt würde – einfühlen zu können; so stark scheint sein Bedürfnis zu sein, dass er darüber die Bevölkerung des Iraks nicht sehen mag, die die Soldaten der US-Army, sofern sie alle Tassen im Schrank hatte, als Befreier und mitnichten als Vergewaltiger begriffen hat, weil sie die Umwälzung ihrer Verhältnisse für lohnenswert hielt. Aber so kleinliche Unterschiede wie der zwischen dem Versuch eine föderale Demokratie zu installieren und dem Erhalt eines Regimes des Massenmords scheinen dem Meisterkritiker nur den Feldweg zur Erkenntnis zu verstellen, so steht ja beides für die „Zerstörung und Vernichtung des menschlichen Individuums – nicht etwa seine(r) Schaffung“. Wer solchermaßen vom „prinzipiell vernichtenden Wesen des Kapitalismus“ schwadroniert, hat mit Kapitalismuskritik in kommunistischer Absicht nichts mehr am Hut. Er negiert – und das ist nichts neues – alle emanzipatorischen Potentiale von Aufklärung und Glück und wischt damit auch alle Maßstäbe kommunistischer Kritik, die der bürgerlich säkularen Emanzipation entspringen, vom Tisch. Was übrig bleibt ist die existentialistisch aufgeblasene Krisenangst, die sich vor westlichen Werten ekelt und durch deren scheinbare Negativität die Wärme echter menschlicher Gemeinschaft schimmert. Kritik am Kapital, zu der der Genosse einmal angetreten war, wandelt sich zurück in das Ressentiment vom Kapital, welches die Zumutungen der Welt auf ein abstraktes Prinzip verschiebt und die handelnden Individuen als Spielball dessen entschuldigt.
Kritik am Kapitalismus hieße einzusehen, daß die hiesigen gesellschaftlichen Verhältnisse „zu eng geworden sind, um den von ihnen erzeugten Reichtum zu fassen“ (Marx) und mit Horkheimer es als Unverschämtheit zu begreifen, „daß die Welt Hunger leiden muß, obwohl längst möglich wäre sie zu ernähren“, und also mit dem Bewußtsein ausgestattet zu sein, daß die Verhältnisse dem Individuum alles vorenthalten und dabei gleichzeitig alles für es bereithalten.
Kritik des Staates hieße ferner zu begreifen, daß in der Krise eine ganze Reihe Subjekte auferstehen, deren Spleen den privaten Charakter, der sonst toleriert oder behandelt wird, verliert und die zur Bewegung zusammenschießen. Deren Haß richtet sich gegen die Zumutungen der Zurichtung als freie Einzelne, die sich gefälligst selbst um ihre Probleme zu kümmern haben. Sie verschieben ihre Verantwortung auf den Staat, dessen Personal versagt, oder auf die Wirtschaft, deren Personal nur an sich denkt, oder linksintellektuell formuliert auf die „subjektlose Herrschaft“ (die nur als widersprüchlich gedachter Begriff Sinn macht). Indem sie ihre Kritik immer an den Staat richten, offenbaren sie ihr verstaatlichtes Denken: Das Ressentiment vom Staat bezeugt nur, wie ausgezeichnet sie den Staat internalisiert haben. All das ist in Deutschland bis zur Vernichtung in Praxis durchexerziert worden, weshalb alles, was sich dieser Verlaufsform anähnelt, als deutsch zu denunzieren ist.
Deutsch ist der Ruf nach Frieden: Appell an den Staat sich gegen die USA zu engagieren, weil man sich, als Verteidiger des Bestehenden, davon verspricht, die gebrochene Souveränität der Weltmacht erhöhe die Chance für die Freiheit der zu-kurz-gekommenen Massen, Völker, Kulturen und Lebensentwürfe. Damit abstrahiert dieser Appell aber vom Garanten der bürgerlichen Freiheit der Einzelnen und setzt diese Freiheit voraussetzungslos, als Potential selbst barbarischer Zustände. So zum Beispiel, als deutsche Friedensfreunde argumentierten, die Bevölkerung des Irak möge sich doch selbst von der Diktatur befreien, oder in der Rede von der Verteidigung der Souveränität einzelner Staaten als Voraussetzung für Emanzipation. Frieden und Freiheit im bürgerlichen Sinn sind aber letztendlich nur garantiert durch übermächtige bürgerlich-staatliche Gewalt. Jeder Einspruch dagegen, der das nicht mitreflektiert, verkehrt die Begriffe von Frieden und Freiheit ontologisch. Er wendet sie als antimaterialistische Hoffnung gegen den Garanten: in der Projektion, die westlich-liberale Demokratie, welche die Vereinigten Staaten nach dem zweiten Weltkrieg erst wieder zu implantieren versuchten, sei letztendlich Schuld an den Problemen und Mißständen, der Krise weltweit und verhindere die Möglichkeit von „wirklichem“ Frieden.

Die sogenannte radikale Linke, die „Gegen Krieg!“ und „Gegen die deutsche Friedensbewegung!“ schreiend den Reflektierten mimt und gegen Deutschland leider nur Moral in petto hat und damit keine Chance ihr Denken gegen Staat und Kapital zu radikalisieren, laden wir ein zur Aufklärung über den Widerspruch von Antikapitalismus und kommunistischer Gesellschaftskritik. Referieren wird Justus Wertmüller von der Berliner Zeitschrift Bahamas.

Mai 2003
kontakt@akg-leipzig.info

Dienstag, den 27. Mai 2003,
19.00 Uhr – Saal des Conne Island
Koburger Str. 3, 04277 Leipzig

Antideutsch-Kommunistische Gruppe Leipzig

 

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